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Re: Dollhouse

Silvaniae
03.11.18 um 6:30
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Cyril
Lady Eleanor wirkte ebenso überrascht wie wir uns hier anzutreffen. Aber nachdem ich meine Entschuldigung losgeworden war und Lady Eleanor mich ansprach, war ich fast überraschter als durch die Tatsache Admiral und sie hier anzutreffen. Sie sprach mich mit meinem Namen an. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Immerhin hatte sie diesen erst ein einziges Mal gehört und es gab unzählige verschiedenste Angestellte auf diesem Anwesen. Warum sollte sich eine der Herrschaften die Mühe machen und versuchen sich all diese Namen zu merken? Sie konnten daraus immerhin keinen Nutzen ziehen. Mit nun etwas aufmerksameren Blick betrachtete ich Lady Eleanor wie beiläufig. Sie wirkte anders- ebenso wie ihre Schwester Lady Gracelyn. Sie waren nicht diese typischen vornehmen Herrschaften, die ihre Diener nur wie strohdummes, wertloses Vieh betrachteten. Und sie war aufgeweckter und somit gefährlicher, als ich sie zu Beginn eingeschätzt hatte. Ihr gegenüber musste ich mich in Acht nehmen. Als sie mir versprach dafür zu sorgen, dass Admiral nicht verprügelt werden würde, stahl sich augenblicklich ein dankbares Lächeln auf meine Lippe, welches ehrlich gemeint war. Ihr Zögern danach riss mich aber in die Wirklichkeit zurück. Als sie danach meinte, dass sie dieses Anliegen zuerst ihrem Bruder und oder Vater übermitteln müsste, machte sich ein ungutes Gefühl in mir breit. Ich hatte genug über Lady Eleanors Familie in Erfahrung gebracht, dass ich wusste, dass Admiral den beiden völlig egal sein würde. Keine Ahnung ob sie ihn verprügeln, erschießen oder nur vertreiben würden, aber hier zu bleiben würde ihm unmöglich sein. Lady Eleanor würde sie also bei Gelegenheit informieren? Ich war von Mask ausreichend gut ausgebildet worden, dass ich die Lüge spürte. Es war keine reine Lüge, aber ich spürte eine gewisse Ungewissheit welche Lady Eleanor ausstrahlte. Vermutlich war sie von der aktuellen Situation überfordert und unsicher wie sie weiter verfahren sollte. Um meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen- Lady Eleanor war keine schlechte Lügnerin, jeder normalen Person wäre die Lüge oder genauer gesagt die Nicht-Wahrheit vermutlich gar nicht aufgefallen- sagte ich nichts dazu. Als sie sagte, dass ich Admiral erstmal hierbehalten durfte- mich nur um seine Verpflegung kümmern musste- neigte ich meinen Kopf mit aufrichtiger Dankbarkeit. "Ich danke euch Lady Eleanor für eure Großzügigkeit! Ich werde das niemals vergessen. Admiral bedeutet mir alles!" Als sie hinzufügte, dass die Köche ein paar Reste für Admiral übrighaben würden, wanderte ein Lächeln über ihr Gesicht- was sie aber rasch wieder verbarg. Das Lächeln hatte wohl eine Seite von ihr gezeigt, die sie anderen nicht zeigen wollte. "Ich verspreche, dass Admiral keinen Ärger verursachen wird- er gehorcht mir aufs Wort!" Matt machte sich bemerkbar, welcher bei der Tür stand und immer wieder hinausgeblickt hatte ob die Luft dort rein war. "Vielen Dank für alles Lady Eleanor!", bedankte er sich und winkte mich dann zu sich. "Wir sollten gehen. Die Luft ist gerade rein..."Ich nickte und huschte zur Tür. Dort befahl ich Admiral lautlos mir zu folgen. Ich hatte ihm einige Handzeichen beigebracht, damit er meine Befehle auch dann verstehen konnte, wenn ich gerade leise sein musste und somit nicht sprechen konnte. Ich warf einen letzten Blick zu Lady Eleanor. Sie könnte in Zukunft zweierlei sein: Entweder ein Weg um schnell aufzusteigen in der Hierarchie der Diener oder ein Hindernis was meinen ganzen Plan zum Scheitern verurteilen konnte. Ich musste in Zukunft ihr gegenüber einfach aufpassen. Ich nickte ihr noch einmal kurz zu und huschte dann hinter Matt gemeinsam mit Admiral aus der Tür und auf den Flur, welcher tatsächlich menschenleer war. Matt lotse mich daraufhin in die Küche und dort zu seiner Mutter, welche gemeinsam mit den anderen an der Vorbereitung des Mittagessens war. "Mom, das ist Admiral- Cyrils Hund. Lady Eleanor erlaubte..." Doch er hatte seinen Satz noch gar nicht zu Ende gebracht als sich die stämmige, aber durchaus hübsche Frau mittleren Alters mit einem warmen Lächeln zu Boden beugte und Admiral ein großes Stück Fleisch entgegenhielt. Sie zwinkerte mir zu. "Gibt%u2019s bestimmt nicht jeden Tag, aber heute sind viele Reste übrig geblieben..." Ich nickte ihre mit einem dankbaren Lächeln zu. So viel Herzlichkeit hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Admiral schnappte nicht nach dem Fleisch, sondern setzte sich mit aufmerksamen gespitzten Ohren hin und wartete auf mein Okay. Ich bewegte meine Hand leicht und Admiral nahm das Fleisch vorsichtig aus der Hand um sich dann auf den Boden zu legen und das Fleisch genüsslich zu verschlingen. "Keine Sorge- Admiral ist hier gut aufgehoben- kümmert euch ruhig um eure Arbeit!" Ich gab Admiral einen kurzen Befehl, dass er hierbleiben und auf mich warten solle, ehe ich ihn ein letztes Mal kurz kraulte. "Vielen Dank!" Matts Mutter nickte mir lächelnd zu und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit, während sich Admiral in eine Ecke der Küche zurückzog und sich dort niederließ. Als Matt und ich die Küche über die Geheimgänge verließen und wieder zurück in den Garten kehrten, merkte Matt an wie gut Admiral auf mich hören würde. "Ich habe ihn lange trainiert...", entgegnete ich mit einem schiefen Grinsen. Anschließend setzte Matt seine Besichtigungstour durch und zeigte mir den Rest des Gartens und des Hauses. Ich würde bei dieser Größe wohl noch ein paar Tage brauchen bis ich mich wirklich zurechtfinden würde. Anschließend kehrten wir in den Stall zurück und Matt begann mir beizubringen wie ich mit den Pferden umzugehen hatte und welche Tätigkeiten ich erledigen musste. Ich hatte zum Glück einen Draht zu Tieren und kam somit gut mit den Pferden zurecht. Trotzdem waren es viele neue Sachen, die ich lernen musste und ich merkte, dass ich mit der Zeit immer erschöpfter wurde. Irgendwann ordnete Matt eine Pause an und ich ließ mich auf einen Ballen Stroh sinken.
Dieser Beitrag wurde bisher 1 Mal bearbeitet, zuletzt am 03.11.18 um 6:39 von Silvaniae
emordnilaP
12.11.18 um 1:12
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Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Stirnrunzelnd blickte ich den beiden Dienern nach, bis sich die schwere Tür mit einem leisen Klicken hinter ihnen schloss. Der Hund war seinem Herrn lautlos gefolgt, ganz ohne Befehl.  Ein einfaches Handzeichen hatte scheinbar genügt. Beeindruckend, obwohl es auch einige Fragen aufwarf. Zum Beispiel die, warum ein einfacher Stadtjunge gewiss viel Zeit und Mühe darauf verwendete, seinem Hund stumme Signale beizubringen. Aus Langeweile? Er hatte doch sicher besseres zu tun, oder nicht? Arbeiten zum Beispiel. Ich dagegen... Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht als ich mir vorstellte, Chocolate auf die gleiche Weise zu trainieren. Vielleicht könnte ich ihm beibringen auf mein Zeichen hin etwas umzuwerfen und somit eine Ablenkung zu schaffen, wenn Mutter mal wieder kurz davor war sich über die eine oder andere Unzulänglichkeit meinerseits aufzuregen. Zeit dafür hätte ich jedenfalls mehr als genug zur Verfügung - auch wenn der kleine Kater von der Idee wahrscheinlich weniger begeistert wäre.
"Genug davon.", ermahnte ich mich selbst streng, aber schmunzelnd, bevor ich mich abwandte. Mein Blick wanderte ziellos durch den jetzt leeren Raum. Dank der schweren Vorhänge war es einigermaßen dunkel hier drin, aber das Licht reichte trotzdem aus um die wenig benutzten Instrumente des alten Musiksalons zu erkennen. Ungebetene Gedanken schossen mir durch den Kopf. War ich vielleicht zu nachgiebig gewesen; zu freundlich? Die Regeln derartig zu brechen, nur aus Mitleid für Cyril, den ich eigentlich nicht einmal kannte. Ich musste in Zukunft besser aufpassen. Meine Maske musste perfekt sein. Jederzeit.
Schließlich zog der große Flügel in der Ecke meine Aufmerksamkeit auf sich und ich lächelte schwach, als ich mich an die vielen Stunden erinnerte, in denen ich gelernt hatte darauf zu spielen. Die Dienerschaft würde das Mittagessen sicher bald servieren, aber bis es so weit war sollte mir gerade noch genug Zeit bleiben um seinen Klang zu testen. Ich zog die Vorhänge ein kleines Stück auf um etwas mehr Licht zu haben. Durch das staubige Fenster konnte ich in einiger Entfernung gerade noch zwei Reiter erspähen, die sich dem Haus langsam näherten. Ich lächelte erneut als ich sie erkannte, aufrichtiger diesmal, dann setzte ich mich und begann zu spielen.

Adrian Leighton

Gekonnt parierte ich mein Pferd durch, nachdem ich dicht gefolgt von meinem Vater und einigen Jagdhunden den Stall erreichte. Vor uns erhob sich das Anwesen der Familie; jedes Mal aufs Neue imposant. Und das, obwohl ich in meinem Leben wahrlich genug Gelegenheiten gehabt hatte es zu bewundern. Deutlich weniger bemerkenswert war dagegen mein Stallknecht, dessen Aufgabe es sein sollte sich um mein Pferd zu kümmern, und zwar augenblicklich! Stattdessen glänzte der Kerl durch Abwesenheit, was mich ungemein ärgerte. Immerhin musste ich vor dem Mittagessen noch meine Reitkleidung ablegen und etwas anderes anziehen. Ich wollte für meinen Kammerdiener hoffen, dass er daran gedacht und bereits etwas hingelegt hatte, aber so wie ich ihn kannte hatte er es vergessen. Am Ende würde ich noch aufgrund meiner unfähigen Diener zu spät kommen, war das zu fassen? Mein Magen jedenfalls hatte lautstarke Einwände gegen diese Vorstellung. Und war es denn zu viel verlangt, nach einem (im übrigen sehr erfolgreichen) Jagdausflug mit seiner Lordschaft, meinem Vater, einen anständigen Stallburschen zur Stelle zu haben? Was glaubten diese faulen Angestellten denn eigentlich wen sie hier warten ließen?! Zugegeben, ich war vielleicht nicht mein älterer Halbbruder und Erbe, aber etwas Respekt stand mir doch wohl trotzdem zu, verdammt! Auf jeden Fall mehr als denen.
Verärgert und ungeduldig drückte ich meinem Pferd die Beine in die Flanken, was der Stute ein entrüstetes Schnauben und Vater einen tadelnden Blick entlockte. Aber zum TeufeI mit ihnen, immerhin hatte ich allen Grund ungeduldig zu sein!
"Ihr da!", rief ich zwei der nächstbesten Stallburschen zu, "Sitzt dort nicht so unnütz herum! Kommt her, sofort!"
Wild mit einer Hand gestikulierend winkte ich die beiden zu mir heran, während ich mit der anderen die Zügel fester anzog um meine Stute ruhig zu halten. Mein scharfer Ton gefiel ihr anscheinend nicht besonders. Und nicht nur ihr. Ich wusste, dass Vater es nicht mochte wenn ich so mit der Dienerschaft umging. Allerdings störte es ihn auch nicht genug um mich ernsthaft davon abzuhalten.
"Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!", blaffte ich einen der Männer an, bevor ich schwungvoll aus dem Sattel stieg und dann dem anderen die Zügel in die Hände drückte. Beide waren älter als ich, aber ich kommandierte schon mein ganzes Leben lang Leute herum, ganz egal welchen Alters, also stellte das kein Problem für mich dar.
"Ihr wisst ja hoffentlich selbst was jetzt eure Aufgabe ist. Na los, warum steht ihr denn immernoch hier? An die Arbeit!"
Silvaniae
06.01.19 um 17:13
Avatar von Silvaniae

Re: Dollhouse

Cyril

Matt hatte sich neben mich in das Stroh gesetzt und erzählte mir ein bisschen mehr über die Familie für die wie arbeiteten. Ich war ihm dankbar dafür, dabei hatte ich nicht mal danach gefragt, aber es konnte mir nur zum Vorteil gereichen. Admiral kam herbeigelaufen und rollte sich neben mir zusammen. Ich kraulte ihn kurz hinter seinem Ohr, ehe ich mich wieder komplett auf Matts Ausführungen konzentrierte. Ich war so darauf fokussiert gewesen, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie sich Hufgeklapper näherte- ich bemerkte es erst, als jemand sprach. Innerlich schalt ich mich sofort dafür. Ich musste aufmerksamer werden und zu meiner alten Form zurückfinden, sonst konnte ich den Coup sofort vergessen. Ich merkte erst, dass die Person uns gemeint hatte, als Matt eilig aufsprang und zu dem Jungen auf dem Pferd hinüberlief. Ich stand ebenfalls auf- auch wenn ich mir dazu etwas mehr Zeit ließ als Matt und ging zu dem jungen, vermutlich Adligen, hinüber. Ob er einer der Söhne der Leightons war? Wenn ich sein Alter richtig einschätzte, stand vor mir vermutlich Adrian Leighton. Und er wirkte nicht gerade wie die Liebenswürdigkeit in Person. Allein wie er das arme Pferd behandelte- es wirkte ziemlich unruhig. Ich war ihm fast schon dankbar, als er mir die Zügel in die Hand drückte und uns dann anblaffte, dass wir wussten, was zu tun sei. Matt entschuldigte sich bei mir, weil er sich um das Pferd seiner Lordschaft höchstpersönlich kümmern musste. Der Stallbursche, welcher normalerweise für dessen Pferd zuständig war, hatte an dem heutigen Tag frei. Ich nickte und meinte, dass ich mich selbst um Adrians Pferd kümmern konnte. Ich hatte zum Glück schon genug Erfahrung im Umgang mit Pferden. Beruhigend strich ich dem wunderschönen Geschöpf über seine Nüstern und flüsterte ein paar beruhigende Worte, woraufhin es tatsächlich ein wenig ruhiger wurde. Ich wandte mich zu Matt um ihn zu fragen, wo überhaupt die Box dieses Pferdes war, denn Adrian war schon längst verschwunden und den wollte ich eigentlich auch nicht wirklich gerne fragen. Doch auch von Matt war nicht gerade was zu sehen. Ich seufzte und gab Admiral ein Zeichen zu mir zu kommen, dem er auch sofort folgte. Tatsächlich schaffte es Admiral den Geruch des Pferdes in einer der Boxen wiederzufinden und ich vertraute einfach darauf, dass es tatsächlich die richtige war. Ich kümmerte mich ausreichend um den hübschen Hengst, ehe ich mich wieder erschöpft in das Stroh fallen ließ. In meiner eigentlichen Mittagspause zu arbeiten war nicht gerade erholend. Matt stieß etwas später wieder zu mir und gemeinsam beschlossen wir uns in der Küche eine Kleinigkeit zum Essen zu holen. Der restliche Tag war gefüllt mit zahlreichen Aufgaben und am Ende fiel ich erschöpft in mein Bett. Die andere Person, mit welcher ich mir das Zimmer teilte, war noch nicht zurück von seiner Arbeit, worüber ich aber ehrlich gesagt einfach nur froh war. Ich wollte einfach nur noch schlafen. Die nächsten Tage vergingen rasch und so kam es, dass ich nun fast zwei Wochen auf dem Anwesen arbeitete. Ich war mit meinem Plan vorangeschritten- hatte viele neue Freundschaften geschlossen, welche bestimmt noch hilfreich sein konnten. Doch am besten verstand ich mich immer noch mit Matt, mit welchem ich inzwischen regelmäßig zusammenarbeitete, nachdem sein Vater erkannt hatte, dass ich einen guten Draht zu Pferden hatte und die Arbeit als einfacher Stallbursche, welcher nur den Mist der Pferde entsorgte und den Stall fegte, ein verschwendetes Talent war. Auch einer meiner besten Freunde war mein Zimmergenosse Jay geworden. Er arbeitete als Gärtner bereits seit vier Jahren hier auf dem Anwesen und war ein eher zurückhaltender junger Mann, dennoch hatten wir uns auf Anhieb gut verstanden und die gemeinsame Zeit abends auf engem Raum hatte uns noch näher zusammengebracht. Die Geheimgänge kannte ich mittlerweile in und auswendig- das einzige Problem bei diesen war, dass man eigentlich immer jemanden begegnete. Auch gelangte man in meiner Position nur selten in die Räume, in welchen etwas Wertvolles gelagert war und selbst wenn man sich dort befand, so war doch immer jemand mit einem im Raum, sodass man nichts stehlen konnte. Ich hatte also Geduld ausüben müssen und wartete nun auf eine Gelegenheit mich hochzuarbeiten, sodass ich leichteren Zugriff zu den Schätzen bekam. Admiral hatte sich zum Glück daran gewöhnt, dass ich während des Tages nicht viel Zeit für ihn hatte und er sich mit sich selbst beschäftigen musste, ohne dass er jemanden dabei störte. Ich hatte glücklicherweise nichts mehr von Eleanor über ihn gehört. Insgesamt hatte ich nichts mehr von Lady Eleanor gehört. Ich war kaum auf die Leightons gestoßen, außer auf Adrian, da ich mich noch immer um sein Pferd kümmerte- das war zu meiner neuen Hauptaufgabe geworden. Sein ehemaliger Stallknecht, der sich um sein Pferd gekümmert hatte, war zu unzuverlässig gewesen, weswegen er eine andere Aufgabe bekommen hatte, nämlich meine ehemalige. Ich hatte gerade mit Matt mein Mittagessen in der Küche eingenommen und machte mich nun auf den Rückweg zum Stall. Adrian wollte zur Jagd ausreiten und ich musste sein Pferd für ihn vorbereiten. Ich betrat die Box und begrüßte den Hengst. Dieser wirkte aber merkwürdig unruhig und selbst ich schaffte es kaum ihn zu beruhigen, geschweige denn zu satteln. Ob Adrian mit ihm klarkommen würde? Ich bezweifelte es irgendwie. Der Hengst war sowieso schon temperamentvoll, aber nun, da ihn irgendetwas zu beunruhigen schien, war er kaum noch zu bändigen. Nach einer Weile hatte ich es dann doch geschafft ihn vorzubereiten und führte ihn aus der Box und fand dort dann auch Adrian vor. "Euer Hengst ist heute in keinem guten Zustand. Er wirkt sehr unruhig. Ich würde euch vorschlagen, dass ihr heute ein anderes Pferd reitet...", meinte ich mit leicht gesenktem Kopf, während ich ihm die Zügel reichte.

Dieser Beitrag wurde bisher 1 Mal bearbeitet, zuletzt am 06.01.19 um 17:13 von Silvaniae
emordnilaP
13.07.19 um 17:04
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Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Es war seltsam wie schnell die Zeit manchmal vergehen konnte, obwohl sie doch bei anderen Gelegenheiten zäh wie Honig an einem vorbeitröpfelte. Wie lange war es her, dass ich einem unserer neuen Angestellten erlaubt hatte seinen Hund auf dem Anwesen zu behalten? Es mochten gut zwei Wochen seit diesem Tag vergangen sein. Anfangs hatte ich Angst gehabt,  Vater oder Clemence oder sonst irgendjemand würde es herausfinden, Fragen stellen und das Tier schließlich doch vertreiben lassen, aber dazu war es zum Glück nicht gekommen. Im Gegenteil; der Hund verhielt sich so unauffällig und wohlerzogen, dass kaum ein MitgIied meiner Familie seine Anwesenheit je registrierte. Meines Wissens nach versuchte einzig meine kleine Schwester regelmäßig das Vertrauen Admirals zu gewinnen, um mit ihm zu spielen.
Die Tage vergingen beinah ereignislos, während jeder seinen jeweiligen Aufgaben (mehr oder weniger) nachkam. Seine Lordschaft und die Countess, meine Eltern, gaben stundenlange Empfänge und Abendessen bei denen ich Klavier spielte oder tanzte oder mich in ausgesucht höflichem Ton mit der gehobenen Gesellschaft unterhielt; Clemence lief weiterhin durch das Anwesen, als hätte er ein Lineal verschluckt und das Nachschlagewerk für Etikette dazu, während Adrian fieberhaft seine Jagd- und Reitfähigkeiten trainierte, in der Hoffnung, den älteren Bruder eines Tages zu übertreffen.
So auch am heutigen Tag, wie ich feststellte, als ich kurz nach Mittag aus dem Fenster blickte und die jugendlich-schlaksige Gestalt (eine Tatsache, die ihn ungemein ärgerte) meines kleinen Bruders auf die Ställe zueilen sah. Ich fand mich in letzter Zeit frustrierend häufig am Fenster wieder, wo ich mich fortträumte aus diesem goldenen Käfig, der mein Zuhause war. Dieses Mal verweilten meine Gedanken jedoch bei Adrian. Er schien seine Reitgerte vergessen zu haben - zumindest sah ich sie nirgendwo an ihm, und er schlug auch nicht damit zum Spaß gegen die hoch gewachsenen Pflanzen in den Beeten. Vielleicht sollte ich besser loslaufen und sie ihm bringen. Zwar wusste ich, dass es in den Ställen hunderte anderer Reitgerten gab, aber ich wusste auch, was für ein Theater Adrian veranstalten würde wenn er nicht seine bekommen konnte. Er war in letzter Zeit etwas aufbrausend - nun, eigentlich schon immer - und rechthaberisch bei jeder Gelegenheit. Ständig beklagte er sich über den einen oder anderen der ihm zugeteilten Angestellten und ihre angeblich so unzureichende Arbeit. Es schien fast unmöglich eine Aufgabe zu seiner vollen Zufriedenheit auszuführen. Ganz der Sohn seiner Mutter, dachte ich mit einem bitteren Lächeln, versteckte dieses aber sogleich wieder. Solche Gedanken sollte ich nicht haben. Er war trotz allem mein Halbbruder und ich hatte ihn lieb.
Schnellen Schrittes lief ich also los um die vergessene Reitgerte zu holen und anschließend zu den Ställen hinunter. Ich hätte natürlich auch ein Hausmädchen schicken können - für eine junge Dame in meiner Position wäre das sicher angemessener gewesen. Aber vielleicht hatte ich es genau aus diesem Grund nicht getan. Schon von weitem hörte ich Adrians aufgebrachte Stimme, und obwohl ich zunächst nicht verstehen konnte was er sagte war es offensichtlich, dass sein Ärger dem Stallknecht galt. Der junge Mann war deutlich größer als Adrian, aber dennoch fuchtelte mein Bruder drohend mit einem Finger vor dem Gesicht des Älteren herum, ganz so als könne er ihn damit einschüchtern.
"...kann ich ja wohl selbst am besten beurteilen!" ,meckerte er gerade als ich in Hörweite kam, und gleich darauf: "Sehe ich vielleicht aus als könnte ich mein eigenes Pferd nicht reiten? Ich nehme doch keine Vorschläge von einem Stallknecht an! Wer bin ich, ein Bauerntölpel vielleicht?!"
Stirnrunzelnd lief ich näher heran, aber mein Bruder bemerkte mich nicht. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen jungen Hengst ruhig genug zu halten um aufsteigen zu können.Zugegeben, ich war keine Expertin was Pferde anging, aber ich verstand sie doch gut genug um zu erkennen, dass das Tier unruhig umhertänzelte und allgemein nicht besonders zufrieden mit der lauten, ungeduldigen Art seines Herrn war. Dieser saß mittlerweile im Sattel, von wo aus er selbstgefällig auf seinen Stallknecht herabblickte, obwohl er seltsam angestrengt dabei aussah.
"Adrian!" Ich hielt seine Reitgerte noch immer in den Händen und rief seinen Namen, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. "Vergiss nicht-" ,begann ich noch, aber der Rest des Satzes blieb mir im Hals stecken als mein kleiner Bruder auf einmal die Zügel des ohnehin schon gereizten Hengstes scharf anzog.
Silvaniae
21.07.19 um 0:56
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Re: Dollhouse

Cyril Llyod
Ich hatte Adrian Leighton mittlerweile oft genug erlebt, um zu wissen, dass er mit Kritik oder Zweifel an seinen Fähigkeiten nicht gerade gut zurechtkam. Aber trotzdem war mir keine andere Wahl geblieben als ihn auf den schlechten Zustand seines Hengstes hinzuweisen, weil es nun mal einfach die Wahrheit gewesen war. Außerdem konnte ich nicht gebrauchen, dass der Hengst- den ich in Gedanken Lightning, aufgrund eines weißen Flecks in Form eines Blitzes, getauft hatte- Adrian vielleicht abwarf und mir die Schuld dafür gegeben wurde. Ich wollte hierarchisch aufsteigen und nicht entlassen werden, dafür war dieser Coup einfach zu wichtig. Ich hásst es die ganze Zeit wortwörtlich am Boden herumkriechen zu müssen und jedem Befehl, sei er auch noch so stumpfsinnig, folgen zu müssen, aber vorerst blieb mir keine andere Wahl. Trotzdem ein Grund mehr möglichst bald aufzusteigen, damit die Arbeit, die ich verrichten musste, nicht mehr ganz so schlimm war. Immerhin musste ich nicht mehr nur noch Ställe von den Pferden irgendwelcher unwichtigen Personen ausmisten. Zum persönlichen Stallburschen von Adrian Leighton aufgestiegen zu sein war da wenigstens ein kleiner Fortschritt und ich hatte vor möglichst bald eine Methode zu finden, wie ich noch weiter aufsteigen konnte. Irgendwie musste ich meinen Wert beweisen.
Ich hörte kaum zu, als Adrian mich natürlich augenblicklich zurechtwies. Ich hatte es ohnehin schon kommen sehen und ich hatte ihn zumindest vorgewarnt- etwas anderes konnte nicht behauptet werden. Auch wenn am Ende der Junge wohl nie die Schuld tragen würde, dafür stand er gesellschaftlich zu weit oben. Ich hoffte nur, dass dem armen Pferd kein Leid zugefügt wurde. Jeder konnte mal einen schlechten Tag haben und irgendetwas beunruhigte das ohnehin temperamentvolle Pferd, weswegen es kaum zu bändigen war. Wenn nicht von mir, wie dann von Adrian, welcher sein Pferd auch so schon kaum beherrschte?
Dieser versuchte gerade auf Lightning aufzusteigen, welcher allerdings so unruhig auf der Stelle tänzelte, dass er es kaum schaffte und beinahe schon wieder aus dem Sattel gefallen wäre. Ich hielt das Pferd an den Zügeln fest und redete beruhigend auf es ein- in der Hoffnung, dass das alles gut gehen würde. Tatsächlich saß Adrian irgendwann im Sattel, aber der Hengst hatte seine Ohren angelegt und die Augen weit aufgerissen, während er unruhig mit den Hufen aufstampfte. Das hier war eindeutig keine Gute Idee, aber Adrian schien geradezu besessen davon zu sein, dass er alles unter Kontrolle hatte und ich wagte es nicht, ihn erneut hinzuweisen, dass das keine gute Idee war. Selbst auf seinen Befehl hin könnte ich gefeuert werden- er musste seinem Vater vermutlich nicht mal einen wirklichen Grund dafür nennen. Es würde ausreichen, dass er mich hier nicht wollte. Es war wirklich schrecklich von dem Wohlwollen einer anderen Person abhängig zu sein.
Adrians Tonfall half nicht gerade das Pferd zu beruhigen, als dieser lautstark nach den Zügeln verlangte, welche ich ihm- wenn auch widerwillig- überreichte. Noch immer sprach ich mit leiser, beruhigender Stimme auf das Tier ein, aber Lightning war so unruhig, dass mein Einfluss auf ihn gerade so gut wie nicht vorhanden war, obwohl er sich mir gegenüber eigentlich immer ziemlich ruhig und folgsam verhalten hatte.
Eine Stimme erklang, welche Adrians Namen rief und ich drehte mich suchend zu der Person um, auch wenn das wohl nicht nötig gewesen wäre, denn auch wenn ich die Stimme schon seit zwei Wochen nicht mehr gehört hatte, so hatte ich doch sofort Lady Eleanors Stimme erkannt. Sie hielt eine Reitgerte in der Hand und kam auf uns zu, doch ihr Satz verstummte mittendrinnen und ich drehte mich abrupt zu Adrian um, welcher der einzige Auslöser dafür sein konnte. Ich bekam gerade noch mit, wie er scharf an den Zügeln des Hengstes zog, woraufhin Lightning laut wieherte und panisch stieg. Der junge Leighton konnte sich gerade noch festhalten, aber das Pferd war mittlerweile komplett am Durchdrehen. Adrian machte das Ganze nicht besser, indem er wütend wurde und noch mehr an den Zügeln zerrte, während er mit lauter, befehlender Stimme versuchte das Pferd wieder unter Kontrolle zu bringen. Dieses erschrak durch seine Versuche erneut und stieg, ehe es einfach nur blindlings lospreschte. Ich hatte gerade genug Geistesgegenwart und Reaktionsvermögen, um Lady Eleanor, welche in meiner Nähe stand und damit genauso im Weg des Pferdes, wie auch ich, grob am Arm zu packen und mit mir in einen Heuhaufen zu ziehen. Nur wenige Millisekunden später war das Pferd auch schon an uns vorbei und außerhalb des Stalles.
Matt kam bleich in den Stall rein, als ich mich bereits wieder aufrappelte. "War das gerade Lord Adrian?" Ich antwortete ihm nicht, sondern schnappte mir stattdessen den Strick, an welchem er gerade einen Hengst in den Stall hereinführte. Ich wusste zwar, dass das das Pferd eines der Mitglíeder der Familie Leighton gehörte, aber das spielte gerade keine Rolle. Es war gerade wichtiger das Pferd zu retten. Und natürlich auch Adrian, wenn auch bei ihm weniger aus Sympathiegründen, sondern weil ich mir davon erhoffte, dass ich vielleicht einen kleinen Vertrauensbonus bekommen würde. Ich zog das Pferd mit mir und schwang mich im Laufen auf seinen Rücken. Zwar hatte ich noch nie tatsächlich auf dem Rücken eines Pferdes gesessen, geschweige denn war ich aufgestiegen, aber ich war durchaus geübt im Erklimmen verschiedenster Hindernisse aufgrund meiner zahlreichen Fluchten von irgendwelchen Coups- nicht immer war ich bei kleinen Taschendiebstählen geblieben, vor allem nicht mit Mask.
"Was machst du da, Cy? Bist du verrückt?", hörte ich Matt noch rufen, da war mein Pferd auch schon aus dem Stall geprescht. Ich lenkte es mit meinen Beinen und den Fingérn in der Mähne, was erstaunlich gut funktionierte. Gerade war ich wirklich froh, dass ich so einen guten Draht zu Tieren hatte, aber dennoch war das eine eher selbstmörderische Aktion.
Ich erspähte Adrian auf seinem Hengst ein ganzes Stück entfernt- noch hing dieser irgendwie im Sattel, aber Lightning stieg erneut und Adrian rutschte immer tiefer gefährlich herab. Ich beugte mich vor und flüsterte dem Pferd beruhigend zu, während ich meine Knie noch etwas fester gegen mein Pferd drückte, wodurch es noch etwas schneller galoppierte. Ich hatte nicht mehr viel Zeit.
Mittlerweile stieg der Hengst nicht nur noch ab und an, sondern hatte angefangen richtig zu bocken und vollführte wilde Sprünge. Ich kam bei Adrian an und griff nach den Zügeln, welche vom Hals des Pferdes herabhingen. Der junge Lord hatte sie schon längst losgelassen und versuchte sich verzweifelt am Hals des Pferdes festzuhalten, aber er rutschte immer wieder ab, während er das Pferd laut anschrie und dadurch alles nur noch schlimmer machte.
Von dem Rücken meines Pferdes aus, welches ich in sicherem Abstand vor den wirbelnden Hufen des anderen Pferdes halten musste, schaffte ich es allerdings nicht die Zügel zu erwischen und so rutschte ich vom Rücken meines Hengstes herab und versuchte beruhigend zu dem vollkommen panischem Tier zu sprechen. Allerdings übertönte Adrian lautstark jeden meiner Versuche.
Lightning machte einen weiteren Satz und es passierte, was zwangsläufig irgendwann passieren musste: Adrian stürzte vom Rücken des Pferdes. Er kam neben dem Pferd auf dem Boden auf und rollte sich zusammen, um sich wenigstens irgendwie vor den wirbelnden Hufen zu schützen. Jetzt gerade wirkte er vielmehr wie ein kleiner, verängstigter Junge. Er erinnerte mich an die Kinder im Waisenhaus und das ließ mich jede Gefahr und jeden Rückbehalt vergessen. Ich rannte zu ihm hinüber und zog und zerrte ihn aus der Gefahrensituation heraus- Adrian selbst schien entweder zu verängstigt oder zu verletzt sein, um es selbst zu tun. Lightning hatte sich immer noch nicht beruhigt und scheute immer wieder. "Ruhig, mein Junge!", sprach ich beruhigend, während ich immer weiter auf ihn zuging- in seinem momentanen Zustand stellte er sowohl eine Gefahr für sich, als auch für jeden anderen dar. Tatsächlich begann der Hengst sich langsam ein wenig zu beruhigen- er stieg nicht mehr, aber er tänzelte immer noch unruhig auf der Stelle herum.
Doch es kam anders, als ich erwartet hatte. Adrian schrie irgendetwas, aber ich war zu fokussiert auf den Hengst um zu verstehen was er sagte. Lightning bekam wieder Panik und stieg erneut. Ich versuchte seinen herumwirbelnden Hufen auszuweichen, aber da traf mich auch schon eine seitlich am Kopf. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich stürzte zu Boden. Ich spürte noch den sanften Stupser einer Pferdenase und dachte mir: Wenigstens hat sich Lightning wieder beruhigt, dann wurde ich ohnmächtig, während Blut aus der Wunde sickerte und das Gras rot färbte.
Dieser Beitrag wurde bisher 1 Mal bearbeitet, zuletzt am 21.07.19 um 0:58 von Silvaniae
emordnilaP
26.07.19 um 1:35
Avatar von emordnilaP

Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Der logische Teil meines Gehirns wusste, dass ich sehr wahrscheinlich unter Schock stand, aber der andere Teil hatte aus reinem Selbstschutz längst aufgehört zu funktionieren. Es war alles viel zu schnell passiert, als dass ich es hätte verarbeiten können, und erst jetzt schienen die letzten Minuten noch einmal langsamer an mir vorbeizuziehen. Jetzt, da ich mit meinem Bruder fest im Arm gegen die Tränen kämpfte, während unser beider Retter bewusstlos neben uns lag und auf den penibel gepflegten Rasen blutete. Viel zu spät..
Vorhin im Stall war mir bestenfalls vage bewusst gewesen, dass der durchgehende Hengst für mich eine ebenso große Gefahr darstellte wie für Adrian, aber ich hätte mich ohnehin nicht bewegen können. Stattdessen hatte ich wie angewurzelt dagestanden und auf die Katastrophe gewartet, bis Cyril mich am Arm gepackt und aus der Bahn des lospreschenden Pferdes gezogen hatte. Mir war erst in jenem Moment klargeworden, dass er es war, aber bis ich mein wild klopfendes Herz beruhigt und meine Stimme wiedergefunden hatte um ihm zu danken, war er längst aufgesprungen und auf dem Rücken eines mir durchaus bekannten Pferdes aus dem Stall gallopiert. Ich dagegen war noch immer wie gelähmt gewesen und meine ängstlichen Gedanken waren vollkommen auf meinen Bruder fixiert. Matt, der Sohn des Stallmeisters, hatte mir auf- und nach draußen geholfen, wo wir beide machtlos hatten zusehen müssen, wie Adrian immer weiter von seinem Pferd rutschte, während Cyril in einer selbstmörderischen, aber ebenso selbstlosen Aktion versuchte das Tier zu beruhigen. Matt hatte zunächst versucht mich festzuhalten als ich verzweifelt und blindlings losrennen wollte, obwohl ich gewusst hatte, dass ich nichts tun konnte. Als jedoch Adrian schließlich endgültig vom Pferd gestürzt und Cyril von dem seinen abgestiegen war, hatte auch Matt alle Vernunft in den Wind geschlagen.
Wir waren beide gerannt wie wahrscheinlich noch niemals zuvor, aber mir war dennoch schmerzhaft bewusst gewesen, dass ich zu spät kommen würde. Diese furchtbare Gewissheit brachte mich jetzt noch aus der Fassung, und wieder fühlte ich mich als müsste mein Herz jeden Moment stehen bleiben. Denn weder Matt noch ich waren schnell genug gewesen um zu verhindern, dass der Hengst erneut stieg. Und als ich schließlich - endlich! - neben meinem kleinen Bruder zu Boden gefallen war, war dieser zwar wie durch ein Wunder nicht sehr schwer verletzt, Cyril jedoch..
"Er ist verrückt. Er ist verrückt. Er-" ,murmelte Adrian vor sich hin, abwesender als ich ihn je zuvor erlebt hatte. Er starrte mit großen Augen umher, aber es war unmöglich zu deuten ob er Cyril oder das Pferd meinte, welches sich mittlerweile wieder beruhigt hatte.
Allmählich kehrte ich in die Wirklichkeit zurück. Wir waren nicht unbemerkt geblieben; von den Ställen her näherten sich bereits weitere Angestellte. Irgendjemand würde ihnen sagen müssen was zu tun war, richtig? Jemand musste alles wieder in Ordnung bringen. Vor allem aber musste dafür gesorgt werden, dass Cyril von einen Arzt bekam. Ich zwang mich, tief durchzuatmen. Das war jetzt meine Aufgabe, nicht wahr? Egal was passierte, oder wie es mir dabei ging, ich musste mich stets zusammenreißen, Verantwortung übernehmen. So hatte man es mir beigebracht.
Langsam, ganz so als würde ich mich von irgendwo außerhalb meines Körpers dabei beobachten, brachte ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle, wischte die wenigen Tränen ab, die es geschafft hatten mir über die Wangen zu laufen und stand anschließend vorsichtig auf. Meine Stimme klang fremdartig ruhig als ich meine Anweisungen an die herbeigeeilten Angestellten verteilte, welche auch sofort ausgeführt wurden, obwohl ihnen allen sowohl Furcht als auch Neugier in die Gesichter geschrieben stand. Ich selbst führte die seltsame kleine Prozession an, die sich in Richtung Herrenhaus bewegte; abgesehen von mir bestehend aus zwei kräftigen Stallburschen, die Cyril auf einer improvisierten Trage schleppten, Matt, der neben der Trage lief, und Adrian, der noch immer blass und teilnahmslos hinter mir herstolperte. Irgendetwas war mit ihm definitiv nicht in Ordnung. Er hatte bisher weder geflucht oder jemanden beleidigt, noch meine Hand losgelassen, jedoch hoffte ich inständig dass nur der Schock daran Schuld war. Äußerlich hatte er kaum mehr als ein paar Kratzer und blaue FIecken davongetragen, was mich unendlich erleichterte. Alles dank eines jungen Mannes, der kaum zwei Wochen hier arbeitete und doch so unglaublich unvernünftig, aber gleichzeitig auch so unglaublich mutig gewesen war, ihn aus der Gefahrenzone zu ziehen.
"Bringt ihn in die Bibliothek", wies ich die beiden Träger an, denn dieser Raum befand sich in der Nähe der Galerie und war zudem ohne Treppen zu erreichen, sowie zur Genüge mit Sofas ausgestattet. Aber vor allem, obwohl ich diesen Gedanken ganz bestimmt niemandem verraten würde, befand sich dort das Porträt meiner Mutter, von dem ich hoffte, es würde mir die Kraft verleihen die ich gerade so dringend brauchte. Möglicherweise half es ja wirklich, denn immerhin funktionierte ich noch genug, um einige Hausmädchen auf die Suche nach sauberen Tüchern und Wasser zu schicken, andere in die Galerie, sodass sie den Arzt augenblicklich zu uns bringen konnten wenn er ankam. Es gelang mir sogar Adrian von mir zu lösen, wenngleich ich es ungern tat, und ihn mit liebevoller Gewalt in einen Sessel zu verfrachten. Zumindest nahm sein Gesicht langsam wieder eine gesündere Farbe an. Ganz im Gegensatz zu Cyril, dessen reglose Gestalt fehl am Platz wirkte inmitten dieses riesigen Raumes. Sein Anblick machte mir Angst.
"Wieso?" ,brach es schließlich aus mir heraus, als die Stille unerträglich wurde, aber natürlich erhielt ich keine Antwort. "Wieso riskierst du dein Leben für uns?" Denn das hatte er, und es war allein seinem Einsatz zu verdanken, dass weder Adrian noch mir schlimmeres passiert war. Vater würde durchdrehen wenn er davon erfuhr. "Du kennst uns doch überhaupt nicht. Wieso?"
Wie konnten wir jemals hoffen diese Schuld wieder auszugleichen, falls er aufwachte? Wenn er aufwachte. Das musste er. Allein der Gedanke, dass er es nicht tun könnte reduzierte meine Stimme zu einem heiseren Flüstern.
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Silvaniae
27.07.19 um 0:13
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Re: Dollhouse

Cyril Llyod
"Cy, kommst du?", ertönte eine fröhliche Stimme und Liz streckte ihre Hand nach mir aus. Ich ergriff ihre Hand und ließ mich von ihr mitziehen. Erst nach und nach wurde mir bewusst, dass es völlig unmöglich war, dass das Mädchen vor mir meine Schwester Liz war. "Aber Liz, bist du nicht tot?", fragte ich verwundert nach, woraufhin das junge Mädchen ihre Schrítte verlangsamte und schließlich stehenblieb. Mit traurigem Blick sah sie mich an und nickte dann schließlich leicht. "Es tut mir leid Cy, ich wollte dich niemals im Stich lassen!" Ihre dünnen Arme schlangen sich um meinen Körper und ich drückte sie an mich. Wie sehr hatte ich sie doch vermisst. "Nein, Liz- ich habe dich im Stich gelassen. Ich hätte mich noch viel mehr bemühen müssen um an die Medikamente für dich zu kommen...", meinte ich voller Verzweiflung in der Stimme. "Schon in Ordnung, geliebter Bruder, du hast dein Bestes getan und jetzt ist es an mir das Beste zu tun, damit du weiterleben kannst!", meinte Liz sanft. Sie löste sich von mir und deutete hinter mich. Ich drehte mich um und musste voller Schrecken feststellen, dass dort nichts als Finsternis lauerte, welche immer näherkam. "Das ist der Tod und er versucht dich gerade in seine Finger zu bekommen. Er ist nahe davor dich zu erreichen, aber das werde ich nicht zulassen, ich werde dich beschützen!", versprach Elizabeth mir. Sie ergriff wieder meine Hand und zog mich mit sich mit, immer weiter von der Finsternis weg. "Es gibt so vieles, was ich dich fragen möchte, so vieles, was ich dir erzählen möchte...", meinte ich leise, während ich versuchte mit ihr Schrítt zu halten. Liz lächelte mich sanft an. "Wir werden uns eines Tages wiedersehen, aber noch ist deine Zeit nicht gekommen. Es ist deine Aufgabe noch viele andere Menschen zu beschützen und Leben zu verändern. Kämpfe weiter für das, was du glaubst, Cy!"
Wir kamen vor einem gleißend hellen Licht zum Stehen. "Weiter kann ich nicht gehen. Du bist wieder auf dich allein gestellt...", meinte Liz leise. "Ich wünschte ich könnte mit dir gehen, aber vergiss nie, dass ich für immer in deinem Herzen für dich da bin!" Ich nickte und zog sie noch einmal in einer Umarmung an mich. "Ich liebe dich, Schwesterherz!" "Ich liebe dich auch, Cy!" Wir lösten uns voneinander und betrachteten stumm. Keiner wollte den anderen wirklich gehen lassen, erneut von dem anderen getrennt werden, aber wir wussten beide, dass es sein musste. Die Finsternis kam immer näher und drohte bald uns beide zu verschlingen. "Lebe wohl, Cy!", meinte meine Zwillingsschwester mit sanfter Stimme, dann gab sie mir einen Schubs und ich fiel in das grelle Licht. "Liz! Nein!", rief ich entsetzt und versuchte verzweifelt zu ihr zurückzukehren, doch jeder Weg war mir versperrt. Mein Leben war noch nicht beendet.
"Wieso? Wieso riskierst du dein Leben für uns? Du kennst uns doch überhaupt nicht. Wieso?" Eine leise Stimme durchbrach den Schleier, welcher meine Gedanken eingehüllt hatte. "Liz!", brachte ich leise hervor, dann versank ich erneut in einer Ohnmacht.
Als ich das nächste Mal mein Bewusstsein wiederfand, schaffte ich es leicht meine Augen zu öffnen. Mein Kopf schmerzte höllisch und ich brauchte einen Moment, um mich überhaupt zu besinnen, wer ich war. Wo ich war konnte ich selbst mit klarerem Verstand nicht feststellen. Nach und nach strömten aber die vergangenen Ereignisse wieder auf mich ein und ich stellte fest, dass die höllischen Schmerzen an meinem Kopf wohl durch die Hufe von Adrians Pferd entstanden waren. Ein fremder Mann hatte sich über mich gebeugt und lächelte mich nun an, als er feststellte, dass ich wach war. Wie viel Zeit wohl vergangen war? Der Arzt wandte sich um und teilte irgendeiner Person mit, dass ich wach war und es wohl auch überleben würde, dann schickte er alle anderen Personen aus dem Raum und kümmerte sich wieder um mich. Er flößte mir irgendeine Flüssigkeit ein, woraufhin die Schmerzen etwas nachließen und begann dann meine Stirnwunde zu versorgen. Zwischendurch flößte er mir immer wieder etwas von der Flüssigkeit ein und ich ließ jede der Behandlungen widerstandslos über mich ergehen.
Es wunderte mich zwar, dass sich ein richtiger Arzt um mich kümmerte- dieser musste wohl eigentlich für das Wohlergehen der Familie Leighton zuständig sein und definitiv nicht für die Verletzungen eines einfachen Angestellten. Ob das bedeutete, dass ich etwas in der Anerkennung der Familie gestiegen war? Wenigstens ein kleiner Fortschritt, das war doch schonmal nicht schlecht. Ich brachte ein schwaches Lächeln zustande. Eleanor hatte ich gerettet, weil ich sie in dem Moment einfach nicht Sterben lassen konnte, auch wenn ich nicht wusste warum- vielleicht hatte sie mich an Liz erinnert. Sie waren sich in ein, zwei Dingen ähnlich, auch wen ich Eleanor ja kaum kannte. Und Adrian- am Anfang hatte ich ihn in Aussicht auf einen kleinen Aufstieg retten wollen, aber das hatte sich rasch geändert, als ich in ihm die zahlreichen Waisenkinder erkannte, welche ich retten wollte. Ich hatte ihn ebenso wenig sterben lassen können. Ich hatte ihn beschützen müssen. So unausstehlich er auch war, er war trotzdem noch ein Kind. Und da spielte es keine Rolle, dass ich die Familie bestehlen wollte- in dem Moment ging es nicht mehr um meinen Coup.
Der Arzt war schließlich fertig und nickte mir noch einmal kurz freundlich zu, ehe er das Zimmer verließ. Ich vernahm seine Stimme von vor der Tür und wie er irgendjemandem mitteilte, dass er oder sie jetzt in den Raum konnte. Die Tür öffnete sich und kurz darauf ertönten sowohl Schrítte, als auch ein leises Tapsen. Eine warme Zunge begann meine herabhängende Hand zu lécken und entlockte mir ein Lachen. "Admiral, alles in Ordnung, mir geht es gut!"
Die Schrítte hatten wie von einer jungen Frau geklungen und ich fragte mich, ob es sich wohl um Lady Eleanor handelte. Ich konnte meinen Kopf nicht drehen, weil schon die leiseste Bewegung höllische Schmerzen verursachte.
"Um ihre Fragen von zuvor zu beantworten: Ich tat es, weil es in diesem Moment richtig war!", sagte ich dann zu der unbekannten Person, in der Annahme, dass es sich dabei tatsächlich um Eleanor handelte. "Ich rettete sie, weil sie mich an meine Schwester erinnerten und weil ich sie noch nicht gut genug kennengelernt habe, um mir ein Urteil über sie bilden zu können und somit festzustellen, ob sie es wert sind ihr Leben zu retten oder nicht- lieber rette ich jetzt ihr Leben und bereue es später, als es jetzt schon zu bereuen, weil ich ihr Leben eben nicht gerettet habe, ohne sie jemals besser kennengelernt zu haben. Und ich rettete ihren Bruder, weil ich weiß, wie es ist, wenn man jemanden aus der Familie verliert. Meine Zwillingsschwester starb und ich konnte sie nicht retten. Ich wollte nicht, dass sie das gleiche durchleben müssen, wie ich damals. Außerdem ist er noch ein Junge. Er hat sein ganzes Leben noch vor sich, um Gutes zu bewirken. Er sollte noch nicht jetzt sterben. Wissen sie, es ist mit meinem Stand nicht gerade leicht, anderen zu helfen, aber ich versuche es, weil ich die Welt ein kleines bisschen besser machen möchte. Wie könnte ich da jemanden guten Gewissens sterben lassen, egal von welchem Stand diese Person ist? Hätte ich euch beide sterben lassen, hätte ich mir selbst nicht mehr entgegentreten können, denn dann hätte ich jämmerlich versagt." Ich wusste selbst nicht, warum ich gerade so ehrlich zu dieser mir völlig fremden Person war, die es vermutlich nicht mal interessierte, weil ich in ihren Augen nur ein einfacher Angestellter war, aber es fühlte sich wohl auch das gerade einfach richtig an. Diese Ehrlichkeit.
"Außerdem wäre meine Entlassung wohl noch das mindeste Übel gewesen, was ich hätte erdulden müssen, wenn ich sie beide nicht gerettet hätte...vermutlich wäre ich nicht mit dem Leben davongekommen, weil es ja irgendwie meine Schuld war!", scherzte ich dann und musste lachen, auch wenn es wohl die Wahrheit war. Trotzdem war das nicht der Grund gewesen, warum ich Adrian und Eleanor gerettet hatte, sondern eben jener, den ich der Lady genannt hatte.
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emordnilaP
30.07.19 um 16:23
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Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Es dauerte nicht lange bis der Arzt das Anwesen erreichte, und doch fühlte es sich an als wären Stunden vergangen. Während des Wartens bedeutete jede Minute eine quälende Ewigkeit. Der schon etwas ältere, jedoch hervorragend ausgebildete Dr. Lawrence Geary arbeitete schon seit geraumer Zeit als Leibarzt fast ausschließlich für meine Familie. Lange genug um aus schmerzlicher Erfahrung zu wissen, dass manchmal nur wenige Sekunden über Leben und Tod entscheíden konnten, weshalb er es jetzt umso eiliger hatte zu seinem Patienten zu kommen. Er wirkte kaum überrascht, dass es sich dabei um einen Angestellten handelte statt um ein MitgIied meiner Familie - man hatte ihn auf dem Weg bereits über die ungewöhnliche Situation informiert.
"Er ist wach, Mylady. Die Chancen stehen gut, dass er durchkommt. Es ist im Moment vielleicht etwas schwer zu glauben, aber das wird schon wieder." ,sagte er nach einer Weile und lächelte nachsichtig, während ich erleichtert ausatmete. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich unwillkürlich die Luft angehalten hatte. Natürlich war ein Stallknecht leicht zu ersetzen und Unfälle passierten nun einmal ab und an, aber wir standen tief in Cyril's Schuld und in meinen Augen durfte diese keinesfalls unbeglichen bleiben. Das wäre unverzeihlich, auch wenn ein pragmatischer Mann wie beispielsweise Clemence diesen Gedanken als lächerlich abtun würde.
"Joanie?" ,unterbrach Adrian ungewohnt kleinlaut die Stille. Mittlerweile hatten auch wir die Bibliothek verlassen, damit sich Dr. Geary um Cyril's Verletzungen kümmern konnte. "Tut mir leid dass du dir Sorgen machen musstest. Und dass dich das Pferd fast erwischt hätte. Ich wollte dich nicht in Gefahr bringen."
Ich sah mich in der Galerie um. Dies war eigentlich kein Gespräch, welches wir vor den etwas abseits wartenden Hausmädchen führen sollten, aber es ließ sich wohl nicht vermeiden. Immerhin waren sie höflich genug sich den Anschein zu geben, als würden sie nicht mit gespitzten Ohren jedem unserer Worte lauschen.
"Du hast vor allem dich selbst in Gefahr gebracht, ebenso wie dein Pferd. Und Cyril auch, ohne den diese ganze Sache noch viel schlimmer hätte ausgehen können. Ich weiß dass du das nicht wolltest, aber es ist passiert und daran hast du einen sehr großen Anteil." Ich wartete kurz, halb darauf gefasst dass er es abstreiten oder sich auf irgendeine Weise rechtfertigen würde, aber er blickte zu Boden und machte ein betretenes Gesicht. "Es ist wichtig Fehler einzugestehen und ich bin froh, dass du das erkannt hast, aber bei mir musst du dich nicht entschuldigen. Mir ist nichts passiert." Als Adrian verstand was ich damit meinte, sah er mit einem Mal schon weniger betreten, sondern eher empört aus. "Vielleicht solltest du dich erstmal ein wenig ausruhen, und während du das tust kannst du überlegen, was du Cyril außer einer Entschuldigung möglicherweise auch noch sagen solltest." Abgesehen davon, dass dies das mindeste war, würde es ihm vielleicht ganz gut tun seinen Stolz einmal zu Gunsten eines in seinen Augen einfachen Stallknechtes  zu überwinden.
Kurze Zeit nachdem mein Bruder nach oben gegangen war, kam Dr. Geary aus der Bibliothek um mir mitzuteilen, dass ich hineinkonnte. Dem wollte ich auch gerade nachkommen, als das Geräusch von Pfoten auf dem Parkett mich aufmerken ließ und Admiral wie aus dem Nichts angelaufen kam. Beinahe als hätte er gespürt dass es seinem Herrn nicht gut ging, obwohl ich mir nicht erklären konnte, wie dies möglich war. In der Bibliothek angekommen überraschte mich Cyril jedoch fast noch mehr als sein Hund, indem er meine vorherigen Fragen beantwortete. Ich hatte bereits angenommen, er habe sie nicht gehört und eigentlich ohnehin keine Antwort erwartet. Seine unerwartete Aufrichtigkeit jagte mir Schauer über den Rücken, denn ich kam nicht umhin mich zu fragen wie seine Entscheidung wohl ausgefallen wäre, hätte er mich schon länger gekannt. Man könnte zwar behaupten, Adrian und ich wären es allein aufgrund unserer Abstammung wert, gerettet zu werden - und sicherlich kannte ich eine ganze Reihe von Menschen in deren Augen es sich so verhielt - aber gegen meinen Willen stimmte ich Cyril's Auffassung mehr zu; der Wert einer Person wurde nicht so sehr von Titeln und Besitz bestimmt, sondern vielmehr von ihrem Verhalten. Abermals überlief es mich kalt. Vater wäre zweifellos außer sich gewesen wenn einem seiner Kinder etwas zugestoßen wäre. Zwar hätte er selbst vielleicht Cyril's Leben verschont, denn er war im Allgemeinen kein rachsüchtiger Mann; Mutter jedoch hätte ihn möglicherweise zu größerer Härte überredet.
"Ich bin dir in jedem Fall sehr dankbar, dass du uns beide gerettet hast." ,sagte ich schließlich, wobei ich versuchte meine Stimme gefasster klingen zu lassen als ich mich augenblicklich fühlte. "Ob es die richtige Entscheidung war kann wohl nur die Zeit zeigen. Allerdings bin ich sicher dass seine Lordschaft dir ebenfalls sehr dankbar sein wird, wenn er erfährt was passiert ist. Ich werde ihm sagen, dass es nicht deine Schuld war. Nur so entspricht es der Wahrheit, auch wenn du selbst dies nicht glauben magst."
Vater würde es auch nicht glauben wollen, soviel stand fest, aber auf mich würde er hören. Vielleicht konnte ich so zumindest einen kleinen Teil meiner Schuld bei Cyril begleichen.
"Mein kleiner Bruder bedeutet mir sehr viel, aber ich weiß auch, dass sein Benehmen manchmal... Ich meine, er ist nicht immer -" einfach hatte ich sagen wollen, besann mich aber noch rechtzeitig. Cyril war trotz allem ein Angestellter, vor dem ich derartige Gedanken nicht einfach äußern durfte, weshalb ich verlegen das Thema wechselte.
"Diese Worte bedeuten wahrscheinlich nicht viel, aber es tut mir aufrichtig leid, dass du deine Schwester verloren hast. Ihr Name war Liz, nicht wahr?" Jedenfalls glaubte ich, ihn diesen Namen flüstern gehört zu haben kurz bevor der Arzt angekommen war. "Ich habe vor langer Zeit ebenfalls eine Schwester verloren. Meine Mutter starb in der gleichen Nacht. Mein einziges Glück ist, dass ich damals zu jung war um mich heute noch daran zu erinnern."
Nachdenklich musterte ich das Porträt meiner leiblichen Mutter, welches an einer der gegenüberliegenden Wände hing. Vielleicht hätte ich nicht davon anfangen sollen, aber Cyril hatte zuvor so ehrlich gesprochen, dass ich mich geradezu verpflichtet fühlte dies ebenfalls zu tun.
Silvaniae
30.07.19 um 19:02
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Re: Dollhouse

Cyril Llyod
Admiral war, während ich gesprochen hatte, auf das Sofa gehüpft und hatte es sich zu meinen Füßen bequem gemacht und zusammengerollt. Ich wusste, dass er bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte- er hatte irgendwie schon immer ein Gespür dafür gehabt, wenn ich verletzt war oder es mir allgemein nicht gut ging- sei es auch nur ein Albtraum. Er war immer für mich da, wofür ich ihm wirklich dankbar war. Es war eine gute Entscheidung gewesen ihn damals aufzunehmen- nicht nur weil er ziemlich schlau, lernbegierig, treu und befehlsgehorchend war, sondern auch deswegen, weil er ein guter Freund war. Ich wollte ihn nicht mehr missen und ich war froh, dass er auch hier auf dem Anwesen an meiner Seite war. Der Ort hier war mir so fremd und ich mochte ihn mit all seinen vielen Verhaltensregeln nicht wirklich. Natürlich gab es da auch noch Matt und Jay, welche zu wirklich guten Freunden geworden waren, aber wenn sie wüsste, warum ich wirklich hier war, würde die Freundschaft wohl rasch enden. Ich hoffte nur, dass die beiden am Ende nicht in Schwierigkeiten kommen würden, wenn ich erst mal hier weg war. Mir wurde bewusst, dass mein momentaner Plan noch ziemlich unausgereift war. Ich konnte nicht einfach nach dem Coup abhauen, weil der Verdacht dann augenblicklich auf mich fallen würde. Wenn dann irgendjemand die Verbindung zum Waisenhaus zog, war es aus und vorbei. Außerdem vertraute ich darauf, dass ich tatsächlich irgendwann so weit in der Hierarchie aufsteigen würde, dass ich kein Misstrauen in Räumen erweckte, wo wertvolles gelagert wurde und ich zweifelte, dass ich jemals so weit aufsteigen würde. Vielleicht bekam ich eine kleine Entschädigung für meine Verletzung, da ich Adrian und Eleanor gerettet hatte, aber dabei würde es dann wohl auch schon bleiben.
Als eine Stimme erklang, bestätigte sich meine Vermutung, dass die Person, welche mit Admiral das Zimmer betreten hatte, tatsächlich Lady Eleanor war. Ihre Stimme hätte ich sofort auf Anhieb wiedererkannt, egal nach welcher Zeit. Es war auch schon knapp zwei Wochen her, dass ich sie wirklich zum letzten Mal gehört hatte, zumindest wenn man nur die Momente zählte, wo sie wirklich zu mir gesprochen hatte. Ich war erleichtert, dass es sich tatsächlich um sie handelte. Es hätte auch irgendjemand komplett Fremdes sein können, dem ich mich gerade anvertraut hatte. Admiral knurrte sie einen Moment an, vermutlich weil sie für seinen Geschmack zu nahe an mich herangetreten war. Normalerweise zeigte er kein so beschützendes Verhalten, es sei denn ich gab ihm den Befehl dazu, aber jetzt war ich verteidigt und konnte mich nicht selbst beschützen, weswegen Admiral es für mich übernahm. Ich hob leicht meine Hand und augenblicklich verstummte der Hund, blieb aber mit gespitzten Ohren und wachsamen Blick liegen. "Er wird dir nichts tun, nur wenn ich es ihm befehlen würde!", meinte ich zu Eleanor, ohne gesehen zu haben, wie sie darauf reagiert hatte- ich hatte immer noch zu große Schmerzen um mich wirklich zu rühren.
Ich lächelte leicht, als sie sich bedankte, dass ich die beiden gerettet hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich jemals jemand ihres Standes bei jemandem wie mir bedanken würde. Innerlich dankte ich Gott dafür, dass ich das wenigstens einmal erleben konnte, ehe ich sterben würde. Ich hörte nur Ehrlichkeit aus ihrer Stimme, ohne dass irgendein negatives Gefühl mitschwang, worüber ich um ehrlich zu sein etwas überrascht war. Eleanor schien sich tatsächlich etwas von den Adeligen zu unterscheíden, welche ich in meinem Leben bisher kennenlernen durfte.
%u201EMomentan bereue ich Ihre Rettung noch nicht, von daher kann ich sagen, dass ich es gerne getan habe und es nichts gibt, wofür Ihr euch bedanken müsst!%u201C, entgegnete ich mit einem ehrlichen Lächeln und bewegte meinen Kopf leicht, um sie ansehen zu können, woraufhin allerdings erneuter Schmerz durch meinen Kopf schoss und ich vor Schmerzen leise aufstöhnté. Jetzt lag ich aber wenigstens in einer Position, in der ich Lady Eleanor betrachten konnte. Sie hatte dieses starke puppenhafte Aussehen, welches sie so zerbrechlich wirken ließ, aber sie musste wesentlich stärker sein, als ich von ihr gedacht hatte. Sonst wäre sie nämlich nicht jetzt hier bei mir, sondern auf ihrem Zimmer, immer noch zitternd vor Schreck nur so knapp mit dem Leben davongekommen zu sein. Mein Blick wanderte von ihrem Gesicht zu ihren goldblonden Haaren und mir fiel auf, dass sie durchaus hübsch war. Nun gut, das war vermutlich noch untertrieben, sie war wunderschön. Rasch schob ich den Gedanken wieder beiseite. Er hatte hier nichts verloren und sie würde ohnehin niemals Interesse an jemanden meines Standes haben- vermutlich hatte sie sogar bereits einen Verlobten- es wäre nicht untypisch für ihr Alter.
Ich war überrascht von Eleanors Selbst-Reflektiertheit. Sie ging nicht von vorneherein davon aus, dass es die richtige Entscheidung gewesen war sie zu retten, sondern meinte, dass die Zeit es zeigen würde. Sie stellte sich nicht von Vorneherein auf eine höhere, bessere Ebene, so wie ich es eigentlich von allen Adeligen gewohnt war. Nun noch etwas interessierter, mustere ich sie einen Moment lang schweigend- ein leichtes Lächeln auf meinen Lippen.
Als sie dann auch noch anfing "schlecht" über ihren Bruder zu reden, war es aus und vorbei mit mir. Ich war fasziniert von dieser jungen Frau, die so weniger adelig wirkte, als sie es eigentlich war. Ihre Worte entlockten mir ein leises Lachen. Wir wussten beide, was sie meinte und es war unnötig, dass sie ihren Satz vollendete.
Ich blickte Lady Eleanor etwas überrascht an, als sie mit einem Mal Liz´s Namen erwähnte. Ich konnte mich nicht daran erinnern ihn zuvor erwähnt zu haben. Hatte ich etwa während der Ohnmacht vor mich hingeredet? Ich hoffte nur, dass ich nicht mehr als Liz Namen erwähnt hatte. Aber vermutlich war das nicht der Fall, sonst würde ich nicht immer noch hier liegen und Lady Eleanor wäre mit mir völlig allein. Die junge Frau überraschte mich erneut, als sie mir gegenüber offen und ehrlich über ihre Schwester, sowie Mutter zu sprechen begann. Sie fixierte dabei irgendeinen Punkt hinter mir, weswegen ich davon ausging, dass dort vielleicht ein Gemälde von ihrer Mutter hing. Dann war die Countess of Collingwood also überhaupt nicht ihre richtige Mutter? Ich hatte zwar davon gehört, dass diese die zweite Frau des Earls war, aber es hatte mich nie genug interessiert um zu wissen, welches Kind nun von wem war.
"Ich danke Ihnen für ihre Worte, um ehrlich zu sein bedeuten diese mir viel, weil ich ihrer Stimme entnehmen kann, dass sie diese ehrlich meinen. Außerdem können Sie meinen Schmerz wohl nachvollziehen, ebenso wie ich den Ihren. Ich möchte Ihnen ebenfalls mein Beileid mitteilen!", entgegnete ich mit sanfter Stimme. "Und ich danke Ihnen für ihre Ehrlichkeit!"
Ich musterte Lady Eleanor weiterhin einen Moment lang schweigend. Was machte sie so anders? Ein paar Sachen hatte ich mittlerweile bemerkt, aber dennoch fehlten immer noch viele Informationen und die Gründe, welche dazu geführt hatten. Auch verstand ich die Faszination nicht, welche sie auf mich ausübte. Ich wollte mehr über sie erfahren. Ich wollte Zeit mit ihr verbringen. Ich wollte sie zum Lachen bringen. Lagen meine Gedanken an meiner Kopfverletzung oder hatte sie auf jeden diesen Einfluss.
"Wie wird es jetzt weitergehen?", erkundigte ich mich, vornehmlich um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken, welche mich wiederum von meinem eigentlichen Ziel ablenkten. "Ich werde wohl eine ganze Zeit lang nicht mehr arbeiten können- zumindest als Stallbursche. Der Doktor meinte, dass ich meinen Kopf schonen soll, was bedeutet, dass ich zumindest eine Woche lang kaum werde aufstehen können und auch danach werde ich wohl kaum ständig auf Zack sein können, was die Arbeit als Stallbursche durchaus erfordert..." Fragend blickte ich Lady Eleanor an, auch wenn sie vermutlich gar keine Antwort darauf kennen würde. Ich hoffte nur, dass meine kleine Rettungsaktion nicht zur Folge hatte, dass ich ein bisschen belohnt und dann entlassen wurde, weil ich ja vorerst nicht mehr als Stallbursche würde arbeiten können.
Admiral war mittlerweile wieder aufgestanden und vom Sofa heruntergesprungen. Er blickte mich einen Moment fragend an, und als ich ihm das %u201EOkay%u201C gab, lief er zu Lady Eleanor hinüber, welche er neugierig beschnupperte. Dann begann er mit seinem Schwánz zu wedeln und leckte ihr über die Hand. Selbst er mochte die junge Dame also, was selten vorkam. Normalerweise war er anderen Menschen gegenüber eher scheu. Ich war mir nicht sicher, ob das nicht zu viel war, weswegen ich Admiral einen kleinen Wink gab und er zurück zu mir auf das Sofa hüpfte. Dieses Mal legte er sich hin und wirkte nicht mehr so misstrauisch Eleanor gegenüber. "Er mag Sie!", stellte ich mit einem kleinen Lächeln nun auch laut fest und ein leises Lachen kam über meine Lippen. "Sie dürfen sich geehrt fühlen, denn da wären Sie abgesehen von mir die Einzige, Admiral hält lieber Abstand zu anderen Menschen!"
Dieser Beitrag wurde bisher 1 Mal bearbeitet, zuletzt am 30.07.19 um 19:05 von Silvaniae
emordnilaP
04.08.19 um 11:43
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Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Ich bedankte mich mit einem leichten Lächeln als Cyril mir ebenfalls sein Beileid aussprach, obwohl ich mich dabei gleichzeitig für meine lockere Zunge schalt. Es war zwar weder ein Geheimnis, noch ein Skandal, noch auf sonst irgendeine Weise ungewöhnlich dass Vater nach dem Tod seiner ersten Frau erneut geheiratet und sogar weitere Kinder bekommen hatte, aber dennoch. Je weniger Leute davon wussten, desto besser. Es gab immer Menschen die von ihrem Hàss auf "den Adel" so sehr eingenommen waren, dass sie jede Chance nutzen würden um seine MitgIieder durch zufällig aufgeschnappte Informationen und Gerüchte in Bedrängnis zu bringen. Obwohl Cyril mir eigentlich nicht wie jemand vorkam der meiner Familie schaden wollte, im Gegenteil. Selbst sein Mitleid wirkte aufrichtig, was mich überraschte. Jemand wie ich verdiente so etwas in den Augen der meisten Menschen nicht - schließlich hatte ich alles was ich mir je wünschen könnte, nicht wahr? Alles, nur keine Freiheit, dachte ich bitter, wurde jedoch im nächsten Moment zum Glück aus meinen düsteren Grübeleien gerissen.
Wie sollte es jetzt weitergehen? Eine wirklich gute Frage, auf die ich momentan eine frustrierend geringe Menge an Antworten geben konnte, nämlich gar keine. Ich wusste es nicht. Fest stand, dass Cyril noch immer verletzt war, und daran würde sich laut dem Doktor auch noch eine Weile nichts ändern. Er würde also eine Position brauchen, die es körperlich nicht ganz so sehr in sich hatte wie es die Arbeit als Stallbursche erforderte.
Während ich mir noch den Kopf darüber zerbrach, sprang Admiral plötzlich mit einem überraschend eleganten Satz für einen Hund seiner Größe vom Sofa. Er hatte mich zuvor bereits angeknurrt, weshalb ich jetzt unwillkürlich zurückzuckte, jedoch stellte ich kurz darauf fest dass meine Angst vollkommen unbegründet war.
"Ich fühle mich sehr geehrt" ,bestätigte ich amüsiert und lächelte nun ebenfalls, angesteckt von Cyril's Lachen. "Und beeindruckt auch. Kommt es mir nur so vor oder hört er sogar auf deine bloßen Handzeichen? Ich glaube, etwas derartiges habe ich noch nie vorher gesehen." Wann war das letzte Mal, dass ich mich in Gegenwart eines anderen Menschen so entspannt gefühlt hatte? Ich versuchte mich zu erinnern, aber es wollte mir beim besten Willen nicht mehr einfallen. Ebenso wunderte ich mich, was Admiral dazu veranlasst haben könnte anderen Menschen gegenüber so misstrauisch zu sein, wo er doch ganz offensichtlich so gut erzogen war. Und ein Straßenhund war er schließlich auch nicht, denn sonst wäre er wohl kaum bei Cyril. Verwirrt schüttelte ich den Kopf um den Gedanken zu vertreiben und mich wieder auf das Wesentliche konzentrieren zu können: Cyril's zukünftige Arbeit.
"Um deine vorherige Frage zu beantworten: Ich schätze, wie es weitergeht hängt ganz davon ab was für Fähigkeiten du außer einem hervorragenden Händchen für Tiere noch hast. Arbeiten musst du natürlich überall, aber vielleicht wäre eine Position im Haus weniger anstrengend als den ganzen Tag Ställe auszumisten und Reitzeug zu polieren." ,überlegte ich laut. "Vielleicht könntest du -"
"Richten wir uns seit Neuestem etwa nach den Wünschen der Dienerschaft?
Ich zuckte heftig zusammen als ohne Vorwarnung die kühle Stimme meines älteren Bruders Clemence erklang, welcher kurz darauf mit großen Schritten den Raum betrat. Wie lange mochte er bereits an der Tür gestanden und zugehört haben? "Vater hat bereits überall nach dir suchen lassen." ,teilte er mir sachlich mit. "Es wundert mich, dich ausgerechnet hier anzutreffen statt in deinem Zimmer, wo du eigentlich längst sein solltest."
Er hatte seine Gesichtszüge wie immer perfekt unter Kontrolle, was mich umso mehr daran erinnerte wie wenig ich während des Gesprächs mit Cyril auf die meinen geachtet hatte.
"Ich.. ja, aber.. ich dachte nur es wäre nicht gut, ihn hier allein zu lassen. Wegen der Kopfverletzung? Und Dr. Geary ist auch noch nicht sehr lange fort." ,stammelte ich verlegen, aber selbst in meinen Ohren klang es wie eine klägliche Ausrede. Schließlich hätte ich ebenso leicht jeden beliebigen Angestellten anweisen können hier zu warten. Ich hatte es jedoch nicht getan, weil ich mich in gewisser Weise für Cyril's Unfall verantwortlich fühlte und dies zumindest ein wenig wieder gutzumachen versuchte.
"Wie aufmerksam von dir." ,kommentierte Clemence meine Gedanken, als hätte er sie erraten. Vermutlich hatte er das sogar. Seine Stimme war nach wie vor sehr beherrscht, aber ich kannte ihn gut genug um dennoch zu erkennen, dass sich hinter der kühlen Fassade einiges an Ärger verbarg. Ärger, der zweifellos zu großen Teilen mir galt weil ich mich für eine Dame unangemessen verhielt und auch noch zuließ, dass ein Angestellter dies sah. "Ich weiß du hast ein weiches Herz, Schwester, und dafür kann ich dir keinen Vorwurf machen. Es liegt dir nun einmal im BIut." Er lächelte überlegen, während ich den Blick senkte und versuchte nicht wütend zu werden. "Aber du solltest doch trotzdem wissen dass ein einfacher Stallbursche nicht so ohne weiteres Hausdiener werden kann. Es ist ein ziemlicher Unterschied ob man sich um die hochgeschätzten Gäste unseres Vaters kümmert - oder nur um deren Pferde. Das siehst du doch auch so, nicht wahr liebe Schwester?" Clemence' Blick wanderte scheinbar ziellos durch den Raum um schließlich missbilligend an Admiral hängen zu bleiben, der noch immer bei Cyril saß. "Außerdem verlangt die Arbeit im Haus eine gewisse Etikette."
"Aber er hat Adrian gerettet und mich auch! Das muss doch etwas wert sein, oder etwa nicht?", brach es nun doch aus mir heraus, woraufhin Clemence jedoch nur erneut lächelte als wären meine Bedenken vollkommen unbegründet.
"Selbstverständlich ist das etwas wert." ,wandte er sich nun betont freundlich zum ersten Mal direkt an Cyril. "Du hast unserer Familie einen großen Dienst erwiesen, und dafür wirst du eine gewiss mehr als angemessene Belohnung erhalten. Es liegt natürlich ebenso auf der Hand, dass wir keinen Arbeiter behalten können der nicht arbeitsfähig ist, aber du brauchst dich nicht zu sorgen. Seine Lordschaft ist dir sehr dankbar, weshalb er zugestimmt hat dich noch einige Tage hier zu beherbergen bis deine Verletzung dich nicht mehr allzu sehr behindert."
Fassungslos starrte ich meinen großen Bruder an. Dann wollte er Cyril also wirklich zwar für seinen mutigen Einsatz entlohnen, ihm jedoch dann aufgrund seiner Verletzung kündigen. Irgendwie bezweifelte ich stark, dass er dieses Vorgehen tatsächlich mit Vater abgesprochen hatte. Gleichzeitig wagte ich es aber auch nicht noch einmal etwas zu sagen, denn als Clemence' meinen Blick erwiderte lag eine deutliche Warnung in seinen Augen. 'Misch dich nicht ein' ,schien er mir wortlos zu befehlen.
"Du solltest Vater nicht länger warten lassen" ,schlug er mir nun wieder hörbar vor, woraufhin mir nichts anderes übrig blieb als mit einem "Ja, Bruder" zu antworten und langsam zur Tür zu gehen. Nur zu gerne hätte ich Cyril gesagt, dass ich fest entschlossen war Vater davon zu überzeugen dass er bleiben durfte. Momentan konnte ich jedoch nicht mehr tun als ihm einen Blick zuzuwerfen, von dem ich glaubte dass er zuversichtlich aussah. Blieb nur noch zu hoffen, dass mein Bruder Cyril in der Zwischenzeit nicht zu sehr drangsalierte mit seinem maskenhaften Lächeln und der angeborenen Autorität. Obwohl er sich vielleicht auch zu fein dafür war den Aufpasser zu spielen und stattdessen einem der Angestellten diese Aufgabe übertrug.
Dieser Beitrag wurde bisher 1 Mal bearbeitet, zuletzt am 04.08.19 um 19:36 von emordnilaP
Silvaniae
05.08.19 um 22:14
Avatar von Silvaniae

Re: Dollhouse

Cyril Llyod
Eleanor schaffte es tatsächlich meine Meinung von ihr noch etwas mehr zu verbessern, als sie zu lächeln begann, nachdem ich zu lachen begonnen hatte. Sie wirkte dadurch wie eine völlig andere Person. Weniger wie die junge Adelige, die sie eigentlich war, sondern vielmehr wie eine junge, hübsche Frau, der man so auch auf der Straße begegnen konnte. Jemand, die ständig viele Blicke auf sich zog und mit der man gerne sprach. Ein hübsches Mädchen aus der Nachb***aft. Ich musste an mich halten mich daran zu erinnern, wer sie wirklich war und dass ich vorsichtig in ihrer Gegenwart sein musste. Ich durfte aus mehreren Gründen nicht damit anfangen zu viel von ihr zu halten und ihr näher zu kommen. Es hätte ohnehin keinen Erfolg.
Bei ihrer Frage wäre ich beinahe zusammengezuckt, konnte mich aber im letzten Moment beherrschen und lachte stattdessen einfach, als würde ich ihre Frage ganz locker sehen. Währenddessen zermarterte ich mein Gehirn, was ich ihr darauf für eine Antwort geben konnte. Sie hatte die Handzeichen gesehen und das vermutlich nicht nur einmal, es brachte also nichts diese Tatsache irgendwie zu leugnen, sie würde mir vermutlich ohnehin nicht glauben und sie durfte nicht das Gefühl haben, dass ich sie anlog. Ich brauchte sie vielleicht noch und dafür musste ich ihr Vertrauen besitzen. "Nun, lässt sich wohl schlecht leugnen, oder?", entgegnete ich mit einem schiefen Grinsen. "Ja, Admiral hört tatsächlich auf ein paar einfache Handzeichen..." Auf wie komplizierte Handzeichen er hörte, musste ich ihr ja nicht erzählen. Ich hatte viel Zeit gehabt, mit der ich nichts anfangen konnte und einen Hund, der einem aufs Wort gehorchte und auch kompliziertere Befehle ausführen konnte war Gold wert. "Sagen wir es so, ich habe meine Freizeit gut genutzt und es ist durchaus praktisch, wenn man in London einen Hund hat, der einen beschützen kann und vor Angreifern verteidigt, ohne dass man mit ihm deswegen reden muss, um einen Befehl zu geben. London ist ein unsicheres Pflaster...", erklärte ich, auch wenn das nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit war. "Er war ein Straßenhund, dem ich damals am Hafen begegnete. Ich hatte Mitleid mit ihm und nahm ihn auf, auch wenn es eine Weile dauerte bis ich sein Vertrauen gewinnen konnte. Er ist allen gegenüber normalerweise ziemlich zurückhaltend, aber zu Ihnen scheint er wirklich schnell Vertrauen gefasst zu haben- da könnte man fast eifersüchtig werden..." Ich wusste, dass mein Ton schon fast zu vertraulicher war- so sprach man eigentlich nicht mit jemanden, der so viel höhergestellt war, aber es war mir gerade egal. Eleanor war mir gegenüber so offen gewesen und irgendwie konnte ich sie nicht mehr in dem gleichen Licht betrachten wie zuvor.
Ich gab Admiral ein paar einfache Zeichen- nichts Kompliziertes um Lady Eleanor misstrauisch zu machen. Dieser wedelte darauf kurz mit dem Schwánz und baute sich dann beschützend vor mir auf. Alle seine Muskeln waren angespannt, seine Zähne gebleckt, die Ohren aufmerksam aufgestellt. Eleanor, zu welcher er zuvor noch so vertrauensvoll gewesen war, behandelte er jetzt wie jemanden, der eine ernsthafte Bedrohung für mich darstellte. Wenn ich ihm den Befehl geben würde, würde er sie in diesem Moment sogar töten. Er knurrte einmal, griff aber nicht an, so wie ich es befohlen hatte. Ich schnipste leicht mit den Fingérn, damit sich Admirals Reaktion wieder auf mich richtete, dann gab ich ihm erneut ein paar Befehle. Augenblicklich entspannte sich Admiral wieder und begann erneut mit seinem Schwánz zu wedeln, ehe er sich auf den Boden legte und Eleanor unterwürfig seinen Bauch präsentierte. Ich grinste leicht. "Genau so funktioniert das. Er gehorcht mir blind auf Befehl, aber keine Sorge, er würde Ihnen von sich aus nichts tun, solange ich ihm nicht den Befehl gebe und das würde ich nicht tun, sonst wäre es immerhin etwas sinnlos gewesen Ihr Leben zu retten, nicht wahr?" Ich konnte nichts anders, meine Worte entlockten mir ein leises Lachen.
Admiral sprang schließlich wieder auf und zu mir zurück auf das Sofa, während ich meine Konzentration wieder auf Eleanor richtete, welche mir nun hoffentlich die Frage beantworten würde, wie es weiterging.
Meine Fähigkeiten? Davon hatte ich Dank Mask zum Glück zahlreiche und konnte dadurch vermutlich wirklich gut und einfach aufsteigen. Ich wollte gerade schon zu einer Antwort ansetzen um Lady Eleanor ein paar meiner Fähigkeiten aufzulisten, sodass diese leichter einen Job für mich finden konnte, als mit einem Mal eine mir fremde Stimme erklang. Ich war so auf Eleanor fokussiert gewesen, dass ich den jungen Mann nicht hatte eintreten sehen. Ich schalt mich innerlich sofort dafür. Das konnte nur Clemence sein, der ältere Bruder Eleanors, welcher nur ein bis zwei Jahre älter als ich war. Seine Stimme klang kühl, so wie ich auch erwartet hatte, dass Eleanor mit mir sprechen würde, was sie aber nie getan hatte. Clemence wirkte genau wie der perfekte, eingebildete, hochnäsige Adelige, den ich mir vorgestellt hatte und er erinnerte mich wieder daran, warum ich hier war. Diese Familie schwamm nahezu im Geld, während die Kinder im Waisenhaus täglich mit dem Leben zu kämpfen hatten. Ich musste für Gerechtigkeit sorgen.
Überrascht vernahm ich, dass Lady Eleanor sich eigentlich in ihrem Zimmer und nicht bei mir aufhalten sollte. Ich wusste nicht an welchen Grund ich gedacht hatte, aber wirklich verstehen, warum sie denn nun hier war, tat ich nicht. Vielleicht fühlte sie sich einfach etwas schuldig für das, was passiert war.
Ohne mich selbst einzumischen, verfolgte ich das Gespräch zwischen den beiden Geschwistern und war erstaunt, dass die beiden nicht gerade gut miteinander auszukommen schienen oder sich zumindest in einigen Punkten nicht gerade entsprechen zu schienen.
Ich widersprach Lord Clemence nicht, als er meinte, dass ich keine geeignete Etikette kennen würde. Hätte ich es getan, hätte ich ihn in seinem Verdacht nur bestätigt. Ich wusste, dass es eine Ausnahme war, dass Admiral immer noch hier war, aber was hatte das mit meiner Arbeit zu tun? Noch keinem war er in den letzten zwei Wochen negativ aufgefallen, eher im Gegenteil, er hatte sich sogar nützlich gemacht.
Ich wollte schon zu einer Antwort des Dankes ansetzen, als Clemence sich schließlich an mich wandte, aber die Antwort blieb mir im Hals stecken. Er wollte mich also tatsächlich entlassen? Ich wusste, dass diese Welt knallhart war zu Verletzten, aber ich hatte soeben das Leben seiner Schwester und seines Bruders gerettet. Wie herzlos musste dieser Mann sein? Natürlich, in seinen Augen war ich nur ein wertloser Angestellter, aber dass ich seine Geschwister gerettet hatte, schien ihm völlig egal zu sein. Ich musste mich wirklich zusammenreißen um ihm nicht laut und deutlich meine Meinung zu sagen. Er war nicht Eleanor, er würde eine ehrliche Antwort nicht hinnehmen, vermutlich dürfte ich mich dann nicht einmal mehr ausruhen, sondern würde sofort das Anwesen verlassen müssen.
Eleanor wurde von Clemence aus dem Raum geschickt und sie warf mir einen Blick zu, den ich als zuversichtlich deutete. Hatte sie tatsächlich vor sich gegen ihren Vater und Bruder zu stellen? Entweder war diese junge Frau dümmer oder mutiger, als ich gedacht hatte.
Aber ich wusste, dass ich selbst kämpfen wollte und musste, wenn ich hierbleiben wollte. Ich durfte nicht gefeuert werden, nicht ehe ich an eine Möglichkeit gekommen war etwas Wertvolles zu stehlen.
Ich atmete tief durch und kämpfte mich Millimeter für Millimeter unter Schmerzen auf. Jede noch so kleine Bewegung verursachte einen höllischen Schmerz in meinem Kopf und es entlockte mir einen leisen stöhnénden Laut. Doch schließlich stand ich. Admiral war an meine Seite geeilt und verlieh mir eine gewisse innere Stärke, für die ich ihm wirklich dankbar war. Unter Schmerzen, wobei ich versuchte mir diese nicht anmerken zu lassen ging ich zu Lord Clemence hinüber und kniete mich vor ihm hin. Ich musste diesen Job behalten und das um jeden Preis, egal was ich dafür tun musste und wie sehr ich mich erniedrigen musste. Für sie war es ohnehin ein gewohnter Anblick, dass die Angestellten sich verbeugten oder in die Knie gingen. "Keine Sorge Lord Clemence, ich bin durchaus noch arbeitsfähig!", sagte ich mit fester Stimme, wobei ich mich beherrschen musste, dass dieser kein spöttischer oder kühler Unterton beiwohnte. "In zwei Tagen werde ich wieder meine Arbeit als Stallbursche antreten können!" Ich wusste, dass es riskant war, denn meine Kopfverletzung könnte dadurch vielleicht niemals vollständig verheilen und es konnte zu Komplikationen kommen, aber ich durfte diesen Job nicht verlieren. Ich musste den anderen helfen. Ich richtete mich wieder auf und warf kurz Eleanor einen Blick zu, wobei sich meine Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln anhob. Ich war ihr dankbar, dass sie sich für mich hatte einsetzen wollen, es hätte aber vermutlich ohnehin nicht viel gebracht. Dann blickte ich Lord Clemence fest und entschlossen in seine Augen. "Entweder das, oder ich werde tatsächlich ein Hausdiener. Ich besitze durchaus einige Fähigkeiten, die der Familie Leighton nützlich sein könnten. In zwei Tagen könnt Ihr euch gerne selbst davon überzeugen, Lord. Ich bin mir sicher, dass ich jede Aufgabe, die Ihr mir stellt nach Ihrer Zufriedenheit erledigen kann!" Ich sprach voller Überzeugung, meine rechte Hand leicht zu einer Faust geballt, während ich versuchte den stechenden Schmerz zu ignorieren.
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emordnilaP
09.08.19 um 22:39
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Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

So langsam wie nur irgendwie möglich bewegte ich mich auf die Tür zu, obwohl ich wusste dass ich es nicht ewig würde hinauszögern können. Zum einen ließ ich Cyril nur ungern mit meinem Bruder allein - Clemence konnte einen in den Wahnsinn treiben, selbst wenn man ihn gut kannte. Wie kalt und herzlos musste seine stets perfekte, beherrschte Art da auf jemanden wirken, der ihm noch nie zuvor begegnet war? Gleichzeitig graute mir aber auch davor, Vater von den Ereignissen dieses Nachmittages erzählen zu müssen und ihn anschließend auf welche Art auch immer davon zu überzeugen, Cyril bleiben zu lassen. Dieser Teil würde vermutlich gar nicht mal so schwierig werden wenn ich es richtig anstellte - schlimmer war, danach Clemence gegenüber zu treten. Er würde es als Verrat ansehen, aber nicht zuletzt auch als Beleidigung seiner Autorität, und im Grunde genommen hätte er damit nicht einmal so Unrecht. Es war absolut lächerlich von mir diese seltsame Mischung aus Dankbarkeit und Schuldgefühlen, die ich Cyril gegenüber emfand so von meinem logischen Verstand Besitz ergreifen zu lassen. Es war unangemessen. Es war dumm. Und doch konnte ich es nicht abstellen, denn da war auch noch etwas anderes, das ich bisher kaum wahrgenommen hatte: das Gespräch mit ihm war ungezwungen gewesen und so von gegenseitiger Ehrlichkeit geprägt, dass es mich beinahe erschreckte. Für gewöhnlich musste ich stets darauf achten mit wem ich sprach und wie ich mich dabei zu verhalten hatte, was ich sagen durfte, was nicht, und wie ich es sagte. Nicht selten kam es mir vor, als könnte ich vor niemandem offen sprechen; häufig nicht einmal vor meiner Familie.
Unerwartet vernahm ich einen leisen Schmerzenslaut hinter mir und drehte mich um. Cyril war trotz seiner Verletzung aufgestanden, und während ich mich noch fragte ob er den Verstand verloren hatte, kniete er sich vor meinem Bruder auf den Boden. Ungläubig hörte ich zu während er mit allen Mitteln darum kämpfte, seinen Job hier behalten zu können. Dass er seine Gesundheit aufs Spiel setzte war ihm dabei wahrscheinlich ebenso bewusst wie mir, und doch klang er vollkommen entschlossen. Er musste tatsächlich verrückt sein. Wirklich, das konnte er doch unmöglich ernst -
"In zwei Tagen. Ist das so, ja?"
Clemence' Stimme war wie immer kühl, vielleicht sogar ein wenig amüsiert. Sicherlich wusste er, dass Cyril in diesem Augenblick ein enormes Gesundheitsrisiko einging. Die beiden jungen Männer standen sich mittlerweile aufrecht gegenüber, wobei ich feststellte, dass sie bis auf wenige Zentimeter beinahe gleich groß waren. Und auch altersmäßig schienen sie nicht sehr weit auseinander zu sein, obwohl ich Cyril's Alter nur schätzen konnte. Sie musterten einander, der  Stallknecht und der Adelige; halb abwartend, halb feindselig. Admiral stand wieder neben Cyril, was mich unwillkürlich daran denken ließ wie gefährlich der Mischling sein konnte, wenn er die richtigen Befehle erhielt. Bei der Erinnerung daran wie bedrohlich er zuvor ausgesehen hatte, lief mir ein leichter Schauer über den Rücken obwohl ich versuchte, diesen zu unterdrücken. Dass man sich in London besser nicht allein aufhielt war mir bewusst, aber dass die Straßen mittlerweile so unsicher geworden waren..? Verwirrt und verärgert über mich selbst schüttelte ich leicht den Kopf, bevor ich diesen Gedanken noch weiterführen und mich damit noch mehr ablenken konnte.
"Du meinst also, für unsere Familie von so außerordentlichem Nutzen zu sein, dass ich dir noch eine Chance gewähren sollte." ,beendete Clemence jetzt auch die angespannte Stille. "Nun, vielleicht ist es dir bisher nicht aufgefallen, aber wir haben ein ganzes Arsenal von Dienern im Haus, von denen nicht wenige bereits seit Jahren hier arbeiten. Ich wüsste nicht, an welcher Stelle wir da Bedarf für jemanden hätten, dessen Fähigkeiten ganz sicher nicht im Bereich der Etikette liegen - obwohl ich deinen Ehrgeiz durchaus wertschätze."
In seiner Stimme klang kein offener Hohn, aber es war dennoch deutlich erkennbar dass er sich seiner überlegenen Position bewusst war. Nur mit dem Unterschied, dass er dies nicht ganz so sehr genoss wie beispielsweise Adrian es vielleicht getan hätte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er, trotz seiner abweisenden Worte über Cyril's Aussage nachzudenken schien. Oder irrte ich mich? Nein. Ich kannte meinen Bruder und hinter seiner Maske erkannte ich, dass er zwar noch skeptisch war aber die möglichen Vorteile zumindest in Erwägung zog. Vielleicht gab es ja tatsächlich einen Weg ihn noch umzustimmen, der nicht damit endete dass Cyril wieder im Stall arbeiten musste. Es war so schon riskant genug, ihn nur zwei Tage ausruhen zu lassen.
Langsam trat ich von der Tür zurück, während ich gleichzeitig versuchte sämtliche Emotionen von meinem Gesicht zu verbannen. Es war an der Zeit, dass ich wieder zu der Person zurückfand die ich eigentlich sein sollte, denn Clemence schätzte Professionalität und Logik mehr als alles andere - vermutlich auch deshalb hatte ihn Cyril's entschlossene Ansprache nicht gänzlich kalt gelassen. Wer zu ihm durchdringen wollte, musste sich seinem hohen Standard anpassen.
"Wieso denn eigentlich nicht? Wenn er sich unbedingt beweisen will kann uns das im Grunde nur Vorteile bringen." ,schlug ich jetzt vor, wobei ich mich um eine ebenso kühle Ruhe bemühte wie mein Bruder sie ausstrahlte. Dieses Mal hielt ich seinem ärgerlichen Blick nicht nur stand, sondern sprach ungerührt weiter. "Ein Stallbursche der zum Hausdiener aufsteigt - ein Ding der Unmöglichkeit, keine Frage. Aber was meinst du wohl, wie die restliche Dienerschaft darauf reagieren würde?"
Einen Moment lang sah mich nur schweigend an.  Mein Spiegelbild beinahe, obwohl seine Haare mehr hellbraun als blond waren und seine Augen von einem dunklen blau; wie die unserer Mutter, doch kälter. "Härtere Arbeit" ,murmelte er dann halblaut, jedoch ohne ein äußeres Zeichen, das seine Gefühle dabei verraten hätte.
"Ganz genau." ,bestätigte ich mit leisem Triumph, als würde es mir tatsächlich nur darum gehen, die ArbeitsmoraI im Haus zu verbessern. Was zwar nicht stimmte, aber vielleicht kaufte er es mir ja dennoch ab, wenn ich mich nur 'standesgemäß' genug verhielt. "Kein vernünftiger Hausdiener wird sich von einem Stallburschen übertreffen lassen wollen, und alle anderen werden glauben, sie könnten ebenfalls einen so skandalös enormen Aufstieg schaffen, wenn sie sich nur genug anstrengen."
Clemence nickte ein paarmal fast unmerklich, wobei er Cyril fixierte wie ein Löwe. Ein überaus beherrschter, kalkulierender Löwe. "Mal angenommen, ich würde dem tatsächlich zustimmen, könnte ich selbstverständlich davon ausgehen dass du am härtesten von allen arbeitest, nicht wahr? Immerhin hast du einen massiven Mangel an Manieren auszugleichen." Noch immer musterte er Cyril abschätzend, so als wollte er sich jeden Zentimeter seiner Erscheinung genau einprägen. Der Grund dafür war recht simpel; auf den meisten Anwesen wurden bevorzugt große, gut aussehende Diener eingestellt, da man mit diesen recht häufig in Kontakt kam. Außerdem kümmerten sie sich meist um Gäste - eine Art Prestigeobjekt in menschlicher Form also. Cyril, mit seiner hoch gewachsenen Statur und den dunklen Locken, dessen Farbe ich selbst bei genauerer Betrachtung nicht ganz zwischen braun und schwarz definieren konnte, passte hervorragend in dieses Bild. Zweifellos würde ihm die Livree unseres Hauspersonals gut stehen, schoss es mir ungewollt durch den Kopf; obwohl ich diesen Gedanken wohl besser nicht laut aussprechen sollte wenn ich meinen Bruder nicht augenblicklich erneut verärgern wollte.
"Also gut." ,stellte Clemence nun jedoch auch selbst fest. "Vielleicht bist du wirklich zu etwas zu gebrauchen - wir werden sehen. Aber mach dir keine Illusionen, dies ist kein Geschenk. Ich erwarte absolute Perfektion und alles darüber hinaus."
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Silvaniae
12.08.19 um 0:42
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Re: Dollhouse

Cyril Llyod
Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Eleanor stehengeblieben war und den Raum nicht verlassen hatte. Das war gut, vielleicht würde sie sich als Dank für meine Rettung gegenüber ihrem Bruder für mich einsetzen. Trotzdem schenkte ich ihr keine weitere Beachtung, weil in diesem Moment ihr Bruder Clemence einfach eine wichtigere Rolle spielte. Vielleicht hatte Lady Eleanor Einfluss auf ihn, vielleicht auch nicht- davon konnte ich es nicht abhängig machen, es hing zu viel davon ab.
Als der Lord seine ersten Worte an mich wandte, glaubte ich neben der Kühle von zuvor auch eine leichte Amüsiertheit herauszuhören. Aber warum? Weil ich ein so großes Risiko einging und damit bewies wie wichtig mir der Job bei den Leightons war? Weil ich so verzweifelt war? Als ich mich aufgerichtet hatte, überragte Clemence mich um ein paar wenige Zentimeter, was mich in diesem Moment irgendwie ärgerte. Sogar wenn wir uns einfach nur gegenüberstanden, blickte er auf mich herab. Ich war nicht gerade der größte Riese, aber ich war auch nicht der kleinste. Ich nickte knapp, mein Gesichtsausdruck voller Entschlossenheit, wobei ich mich anstrengen musste mein Gesicht nicht dabei vor Schmerz zu verziehen. Eine Weile lang musterten wir uns einfach nur, aber da ich Admiral an meiner Seite hatte, verspürte ich keine Angst. Trotz allem war ich nicht alleine und genau mit dieser inneren Stärke, welche ich dadurch besaß, behauptete ich mich nun gegen Clemence.
Bei Clemence nächsten Worten zeigte sich erneut, dass er sich durchaus bewusst war wie weit über mir er stand. "Genau dieser Meinung bin ich, Lord Clemence!", entgegnete ich mit ruhiger Stimme, wobei ich meine Anspannung komplett niederkämpfte und mir nicht anmerken ließ- das wäre geradedenkbar schlecht. "Und Sie brauchen sich auch keine Sorgen um meine Etikette zu machen. Ich weiß mich durchaus zu benehmen. Admiral stellt eine Ausnahme da, aber auch er weiß sich perfekt zu benehmen, sonst wäre er wohl kaum noch hier." Das stimmte, denn wäre Admiral negativ aufgefallen, hätte ihn schon längst jemand entweder vom Grundstück gejagt, erschossen oder anderweitiges getan um ihn loszuwerden. Dass er noch hier war, bewies, dass er unauffällig und ruhig gewesen war, beziehungsweise kein negatives Verhalten aufgewiesen hatte.
Ich war überrascht, als Lady Eleanor sich nun tatsächlich einmischte und für mich einsetzte. Sie schien sich tatsächlich erkenntlich zeigen zu wollen oder es lag daran wie sie einfach war, beziehungsweise bei unseren privaten Gesprächen den Eindruck erweckt hatte zu sein: Nett, fürsorglich, hilfsbereit und mit einem guten Gerechtigkeitssinn. Hausdiener hatte sie also für mich geplant? Das wäre tatsächlich von großem Vorteil, weil ich mich so um einiges freier bewegen könnte und meine Anwesenheit so alltäglich werden würde, dass ich nicht weiter auffiel, wenn ich an einem Ort war, wo ich eigentlich nicht sein sollte. Und der Aufstieg zu einem Hausdiener war tatsächlich enorm. Ich wusste, dass sie als eine Art Prestigeobjekt für den Adel dienten, empfand Clemence mein Aussehen als zu schlecht, würde er nicht eine Sekunde weiter darüber nachdenken. Einen Moment fühlte ich mich fast schon geschm***t, dass Eleanor dachte ich würde gut genug für einen Hausdiener aussehen, aber das änderte sich rasch, als sie indirekt bestätigte, dass sie mir nur helfen würde um die Arbeitsmóral im Haus zu stärken. Na vielen Dank. Aber eigentlich konnte es mir egal sein, solange sie Clemence umstimmen und ich tatsächlich weiterhin hier arbeiten konnte. Um nichts anderes ging es hier, auch nicht darum, dass ich Lady Eleanor eigentlich ganz sympathisch fand und dazu auch noch ihr umwerfendes Aussehen kam. Ich ließ mich davon auch nicht ablenken, denn Clemence hatte mich mit seinem kalten, kalkulierenden, beherrschten Blick fixiert, den ich gelassen erwiderte. So, als würde der Mann, der vor mir stand, nicht gerade über meine Zukunft entscheíden. Als wäre er nicht derjenige, der die Zügel in der Hand hielt, sondern ich selbst wäre es. Als wäre ich auf der gleichen Ebene mit ihm. "Natürlich Lord Clemence, etwas anderes käme überhaupt nicht in Frage!", meinte ich mit einem höflichen Lächeln, wobei es mir schwer fiel den Spott aus meiner Stimme herauszuhalten. "Auch wenn ich euch bezüglich meiner Manieren nicht zustimmen kann. Ich besitze, wie bereits schon erwähnt, welche, allerdings weiß ich mich auch durchaus zu behaupten und selbstständig zu denken!" Weiterhin lag Clemence Blick auf mir, doch ich erwiderte seinen Blick standhaft, mit einem leicht amüsierten Lächeln auf den Lippen. Ich könnte jetzt einen durchaus unangebrachten Scherz bringen, aber gerade war wohl nicht der Zeitpunkt dafür- zumindest nicht gegenüber Clemence, von dem ich nicht erwartete, dass er irgendwelche Scherze verstand. Auch Eleanors Blick lag auf mir, wie ich spürte, allerdings war ich so auf den Lord fixiert gewesen, dass ich nicht wusste, wie lange dies bereits der Fall war.
Ich wusste immer noch nicht wirklich, ob ich mich geschmeíchelt oder gekränkt fühlen sollten. Ahnung von meinen Fertigkeiten hatte Clemence immer noch keine, er akzeptierte mich also für den Moment nur wegen meines Aussehens. Ich beschloss gute Miene daraus zu machen und lächelte ihn dankbar an. "Vielen Dank Lord, Clemence, Lady Eleanor, für diese Chance, welche Ihr mir gebt. Ich werde Euch nicht enttäuschen!", versprach ich. Nun, zumindest vorerst hatte ich das tatsächlich nicht vor. Ich würde perfekte Arbeit leisten, damit keinerlei Misstrauen gegen mich fallen würde und meine Freiheiten immer größer wurden. So lange, bis ich endlich zuschlagen und von diesem Ort verschwinden konnte. "Nichts geringeres als Perfektion hat Euch zu erwarten, darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen. Ich erwarte meine Einweisung in diese neue Tätigkeit in zwei Tagen, wie versprochen."
Ein zögerliches Klopfen erklang an der Tür und kurz darauf trat ein Diener ein, welcher sich rasch vor der Lady und dem Lord verneigte. "Lord Clemence, Sie haben einen Besucher", sagte er höflich. Ich spürte Clemence bohrenden Blick ein letztes Mal auf mir, dann verließ er das Zimmer.
Die Anspannung wich von mir ab und ich wurde bleich im Gesicht. Mir ging es nicht gerade gut und der Schmerz hinter meiner Schläfe war immer schlimmer geworden. Wankend stützte ich mich auf dem Sofa ab und setzte mich vorsichtig hin. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen. Ob ich in zwei Tagen tatsächlich wieder fit sein würde? Mir blieb wohl keine andere Wahl. Ich musste wieder gesund sein, sonst waren die letzten zwei Wochen vollkommen verschwendet gewesen. "Ich danke Ihnen dafür, Lady Eleanor, dass Sie sich für mich eingesetzt haben!" Ich brachte ein kleines, ehrliches Lächeln zustande, ehe ich mich mit zitterndem Arm stützen musste, ansonsten wäre ich wohl einfach umgekippt, dieses Mal obwohl ich bereits saß. Admiral hatte sich auf den Boden gelegt und blickte mich mit wachsamem, fast schon besorgtem Blick an. Er spürte, dass es mir nicht gut ging, aber wie sollte er mir auch helfen. Ich richtete meinen Blick auf Lady Eleanor. "So intensiv wie Ihr Bruder mich gemustert hat, könnte man fast schon denken er hätte persönliches Interesse an mir...", scherzte ich. "Sie sollten aufpassen, dass er mich Ihnen nicht wegschnappt..."
Verdammt, was redete ich da? Auch wenn Lady Eleanor anders war als ihr Bruder, so gehörte sie dennoch immer noch dem Adel an und ich musste aufpassen, wie ich mit ihr sprach.
Ich wankte erneut und lehnte mich leichenblass an die Rückenlehne des Sofas an. Immer wieder tanzten die schwarzen Punkte vor meinen Augen und mir fielen immer und immer wieder die Augen für einige Sekunden zu, ehe ich sie wieder öffnen konnte. Meine Gedanken verschwammen. "Ihr solltet euch nicht länger von mir aufhalten lassen. Ihr habt bestimmt wichtigeres zu tun, als euch um einen Angestellten zu kümmern. Falls Ihr euch wegen eurer Rettung erkenntlich zeigen wolltet, so betrachtet dies als erledigt- immerhin habt Ihr mir zu einem Job verholfen, der mir etwas mehr Geld einbringen sollte und verhindert, dass ich gefeuert werde..." Meine Stimme verschwamm gegen Ende hin immer mehr, sodass die letzten Worte kaum noch zu verstehen waren. Ich fasste an meinen Kopf. Alles drehte sich so seltsam. Das alles war wohl wirklich zu viel gewesen- ich hätte besser auf mich Acht geben sollen.
Dieser Beitrag wurde bisher 2 Mal bearbeitet, zuletzt am 12.08.19 um 0:44 von Silvaniae
emordnilaP
21.08.19 um 12:22
Avatar von emordnilaP

Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Cyril lächelte dankbar, scheinbar ehrlich erfreut über die Chance noch weiter hier arbeiten zu können, und obwohl auch ich eine gewisse Erleichterung verspürte hatte ich ein ungutes Bauchgefühl dabei. Zwei Tage waren wirklich keine lange Zeit um sich von einer Kopfverletzung zu erholen, und schließlich hatte der Doktor mindestens eine Woche Ruhe angeordnet! Aber die würde Cyril nicht bekommen, soviel stand fest. Ich biss mir unbehaglich auf die Lippen, aber vielleicht machte ich mir auch zu viele Gedanken. Cyril hatte sich schließlich selbst dafür entschieden für seine Position hier zu kämpfen. Das hätte er doch sicher nicht getan wenn er sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlen würde, nicht wahr? Oder wenn er glauben würde, in zwei Tagen noch nicht wieder fit genug zu sein. Hervorragende Bezahlung hin oder her, aber ein solches Risiko war der Job hier einfach nicht wert. Oder etwa doch? Eigentlich wirkte Cyril auf mich nicht wie jemand, der aus reiner Verzweiflung hier arbeitete. Eher wie ein gebildeter junger Mann aus bürgerlicher Familie, der eine ehrenhafte Anstellung in einem wohlhabenden Herrenhaus anstrebte. Solche hatten wir einige in der Dienerschaft wenn mich mein Gedächtnis nicht täuschte, obwohl manche auch Jungen vom Land waren die von ihren Eltern in die Städte geschickt wurden um 'etwas aus sich zu machen'. Nur, warum hatte Cyril dann als Stallbursche angefangen statt einfach seine Zeugnisse vorzulegen und direkt ins Haus zu kommen? Ich nahm mir vor, ihn demnächst einmal danach zu fragen. So etwas sollte ich als Tochter des Hausherren schließlich wissen, und es hatte auch ganz bestimmt überhaupt nichts mit meiner persönlichen Neugier Cyril gegenüber zu tun, dass mich diese Dinge interessierten.
Ein zögerliches Klopfen an der Tür beendete meine Grübeleien, und ein Diener informierte meinen Bruder höflich, dass er Besuch habe. Clemence schien davon im Gegensatz zu mir nicht sonderlich überrascht, was darauf schließen ließ, dass es sich um eine geschäftliche Angelegenheit handelte. Ein letzter kühler Blick, dann verließ er mit großen, entschlossenen Schritten den Raum. Ich seufzte leise als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, mit einem Mal erschöpft von all den Ereignissen dieses Nachmittages. Einen kurzen Moment lang erlaubte ich mir meine Augen zu schließen, obwohl mich gleichzeitig die Stimme der Vernunft davor warnte, jetzt schon Schwäche zu zeigen. Cyril war schließlich noch immer anwesend, und egal wie vertraut wir zuvor miteinander gesprochen hatten, so musste ich mich dennoch auch ihm gegenüber standesgemäß verhalten. Am liebsten hätte ich nochmals frustriert geseufzt, unterdrückte das Verlangen jedoch. 'Sei perfekt', befahl ich mir selbst, bevor ich die Augen wieder öffnete um Cyril zwar freundlich, aber distanziert zu seiner neuen Position zu beglückwünschen.
Die Worte blieben mir im Hals stecken.
Er sah furchtbar aus, und trotz des Lächelns auf seinem leichenblassen Gesicht war es offensichtlich dass es ihm nicht gut ging. Wie hatte sich sein Zustand bloß so schnell verschlechtern können? Und wieso war mir nichts davon schon vorher aufgefallen?
"Schon in Ordnung, nicht der Rede wert." ,brachte ich mechanisch hervor, als sich Cyril jetzt noch einmal bei mir bedankte. Nur wofür? Er sah aus als würde er jeden Moment vom Sofa fallen, obwohl er sich bereits an der Seitenlehne abstützte. Immer stärker drängte sich mir die Befürchtung auf, einen großen Fehler gemacht zu haben, denn so wie es im Moment aussah hatte meine Intervention Cyril kein bisschen geholfen, sondern nur dazu geführt dass er in nur zwei Tagen wieder arbeiten musste - egal in welchem Zustand. Himmel, wieso hatte ich nicht einfach meinen Mund halten können? "Ich, was..? Mein Bruder? Ich glaube nicht, dass er... Ich meine, er wird dich bestimmt ziemlich genau im Auge behalten, aber wie- wie kommst du darauf, dass ich..?"
Toll, ganz toll; einfach hervorragend. Jetzt schaffte ich es nicht einmal mehr vollständige Sätze herauszubringen. Während ein weit entfernter Teil meines Gehirns noch damit beschäftigt war zu überlegen, was Cyril wohl damit gemeint haben könnte, ich solle aufpassen, lag meine gesamte Aufmerksamkeit auf dem jungen Mann vor mir. Mittlerweile konnte ich kaum noch verstehen was er sagte, und obwohl ich ihn direkt ansah schienen seine Augen sich nicht mehr so recht fokussieren zu wollen. Fast wünschte ich Clemence wäre nicht gegangen, aber wahrscheinlich wäre er auch keine große Hilfe gewesen. 'Sei perfekt' ,hörte ich ihn beinahe noch einmal sagen - und warf im nächsten Moment alle Vorsätze zum Thema standesgemäßes Verhalten über Bord.
"Ich gehe nirgendwo hin, solange ich Angst haben muss dass du umkippst während ich weg bin. Wieso hast du bloß nicht eher was gesagt? Schau mich an." ,befahl ich, und fasste Cyril an den Schultern um ihn zu stabilisieren. Da dies aber bereits die Rückenlehne für mich übernahm, umfasste ich stattdessen seine Wangen um ihn zu zwingen, mich anzusehen. Ich erwartete fast dass Admiral mich anknurren würde weil ich seinem Herrn zu nahe kam, aber falls er es tat, dann nicht laut genug als dass ich es hätte hören können. Ganz offensichtlich machte er sich ebenfalls große Sorgen.
"Cyril? Wage es ja nicht noch einmal das Bewusstsein zu verlieren. Bitte, ich.. ich bin kein Arzt und ich habe keine Ahnung, wie ich dir helfen soll wenn du nicht wach bleibst."
Am liebsten hätte ich ihn geschüttelt, aber ich wusste dass das eine denkbar schlechte Idee war und unterdrückte den Impuls. Aber was konnte ich sonst tun, abgesehen davon mich in dem gänzlich unpassenden Gedanken zu verlieren, dass ich vermutlich noch keinem Mann zuvor so nahe gekommen war? Und.. bildete ich mir das bloß ein, oder fühlte er sich wärmer an als erwartet?
"Nicht wegsehen, nicht einschlafen! Ich mag deine Augen, aber sie gefallen mir noch viel besser wenn sie offen sind. Du bist jetzt ein Diener dieses Hauses, hörst du? Also musst du tun was immer ich sage, und ich verbiete dir die Augen zu schließen!"
Mein ganzes Leben lang hatte ich nichts weiter tun müssen als Befehle auszusprechen, um mich aus schwierigen oder verzweifelten Situationen zu befreien - vermutlich deshalb griff mein überforderter Verstand nun auf diese Möglichkeit zurück. Über die Tatsache, dass dies hier möglicherweise nicht funktionieren könnte, wollte ich lieber gar nicht erst nachdenken.
Silvaniae
23.08.19 um 20:34
Avatar von Silvaniae

Re: Dollhouse

Cyril Lloyd
Ich fühlte mich der Aufgabe nicht gewachsen, aber ich wusste, dass ich kämpfen musste. Mir wurde nur diese eine Chance gegeben und wenn ich in zwei Tagen nicht wieder fit genug war um zu arbeiten, würde man mich entlassen. Da spielte die geringe Belohnung, die ich vielleicht bekommen würde, auch keine Rolle mehr. Ich würde nicht mehr so schnell eine Möglichkeit wie diese hier bekommen. Und die Zustände auf der Straße beziehungsweise im Waisenhaus wurden immer schlimmer. Wenn ich den anderen mein Schicksal als Dieb ersparen wollte, musste dieser Coup gelingen und das funktionierte nur, wenn ich hierblieb und mich weiter hocharbeitete. Ich würde in zwei Tagen definitiv noch nicht wieder fit genug sein, aber irgendwie würde ich es schon hinbekommen, vor allem da die Arbeit als Hausdiener hoffentlich weniger anstrengend und mit weniger körperlicher Arbeit verbunden war als die Arbeit als Stallbursche. Und ohnehin war ich eine Kämpfernatur, die sich nicht so schnell geschlagen gab. Ich würde es allen schon noch beweisen. Dieser Job und zu früh wieder damit anzufangen, war das Risiko wert. Vermutlich würde ich meinen Lohn niemals ausgezahlt bekommen, aber das spielte keine Rolle, solange ich genug wertvolle Dinge mitgehen lassen konnte, die sich leicht und teuer veräußern ließen.
"Schon in Ordnung, nicht der Rede wert." Eleanors Stimme klang bei diesen Worten schon fast mechanisch, auch wenn ich ihre Worte etwas verschwommen und verzerrt wahrnahm. Ob sie wohl gerade in Gedanken festhing? Bereute sie es mir geholfen zu haben? Warum hatte sie es überhaupt getan? Vielleicht nur, weil sie sich schuldig gefühlt hatte. Ich konnte mir eigentlich keinen anderen Grund vorstellen, warum jemand ihres Standes sich sonst so sehr für jemanden wie mich einsetzen sollte, so anders Lady Eleanor auch auf mich wirkte- sie gehörte immer noch dem Adel an. Die Reichen dieser Welt kümmerten sich nur um ihr eigenes Wohlergehen und dazu war ihnen jedes Mittel und jede Kosten recht, auch wenn der Rest der Bevölkerung dann darunter litt- so war es schon immer gewesen und vermutlich würde das auch noch viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte der Fall sein. Jemand aus dem einfachen Volk war austauschbar und ersetzbar. Wenn ich nicht zum Hausdiener befördert worden wäre, statt gefeuert zu werden, dann wäre vermutlich innerhalb eines Tages der Posten neu besetzt worden. Und auch jetzt musste er wohl neu besetzt werden- immerhin fehlte Matts Vater nun ein Stallbursche. Matt, ob er wohl wusste, dass mit mir den Umständen entsprechend alles in Ordnung war? Ich hatte ihn, seit ich ihm das Pferd abgenommen hatte, nicht mehr gesehen, aber vermutlich hatte er wie Eleanor alles mitbekommen. Ich zweifelte sehr daran, dass er einfach im Stall geblieben war, nachdem Adrians Pferd durchgegangen war und ich hinterherritt. Allein der Neugierde wegen.
Es ging mir von Sekunde zu Sekunde schlechter, aber dennoch brachte ich ein schwaches Grinsen zustande, als Lady Eleanor so verwirrt von meiner Aussage zu sein schien und einfach nur zu stammeln anfing. Das war dieser Ausrutscher allemal wert gewesen. Ob sie wohl irgendwann begreifen würde, was ich mit meinen Worten gemeint hatte? Vermutlich war es besser für mich, wenn nicht. Ein Stallbursche/Hausdiener, welcher mit einer Adeligen flirtete, so etwas ging nicht, beziehungsweise gab es nicht. Natürlich konnten die Adeligen jederzeit, wenn sie sich mehr für einen von uns interessierten, denjenigen für gewissen Zwecke verwenden. Wer nein sagte wurde sofort entlassen und es würde schwer werden einen ebenso bezahlten Job erneut zu finden. Wir wurden schlecht bezahlt, aber im Gegensatz zu den meisten Jobs immer noch gut. Darüber hatte ich schon so einige Geschichten gehört- insbesondere was Hausdiener anging, wegen des guten Aussehens dieser, lebte man "gefährlich". Aber es spielte keine Rolle für mich, ich hatte ohnehin vor bald noch weiter aufzusteigen. Hausdiener war nicht schlecht, aber öffnete mir noch nicht genug Türen.
Eleanors Worte wiederholten sich wieder und wieder in meinem Kopf, ehe ich verstanden hatte, was sie sagte. Immer noch drehte sich alles in meinem Kopf und ich zuckte leicht zusammen, als mich die Lady zuerst an der Schulter und an der Wange berührte. War sie etwa besorgt? Admiral stieß ein leises Knurren aus- ihm gefiel es nicht, dass Eleanor mich berührte und er spürte, dass es mir nicht gut ging. Ich machte eine leichte, schwache Bewegung mit der Hand, woraufhin sich der Hund augenblicklich wieder beruhigte und uns wachsam weiterhin beobachtete. Immer wieder fielen mir die Augen zu, während ich versuchte Eleanor anzublicken. "Ich brauche diesen Job..."; murmelte ich. "Ich konnte nichts sagen...und ich werde auch in zwei Tagen fit genug sein...es wird schon gehen- ich kämpfe dafür...ich bin niemand der schnell aufgibt...", meine Stimme klang erneut verwaschen und es viel mir immer schwerer mich zu konzentrieren. Eleanors Finger brannten fast schon heiß auf meinen Wangen, während meine Augen wieder und wieder zufielen und ich kaum noch die Kraft hatte bei Bewusstsein zu bleiben. Eleanors Stimme drang nur noch dumpf zu mir durch. Sie wollte, dass ich bei Bewusstsein blieb? Beinahe hätte ich über den Komischheitsfaktor dieser Aussage gelacht. Ich wollte doch auch bei Bewusstsein bleiben. Bei Eleanors nächsten Worten schlich sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen. "Mit Befehlen...kommst du bei mir nicht weit...", murmelte ich und das Lächeln wurde noch etwas breiter, während ich in Eleanors grau-blaue Augen blickte und versuchte mich durch diese auf etwas zu fokussieren, sodass ich nicht in die Ohnmacht überglitte. "Du bist viel hübscher, wenn du entspannt bist und nicht vorgibst jemand zu sein, der du nicht bist. Dein Äußeres, das bist nicht du..." Mir fiel gar nicht mehr auf, dass ich in die persönliche Ansprache gerutscht war, dessen Umgangston sich nun wirklich nicht gehörte. "Du bist viel mehr als das..." Ich beugte mich leicht vor. Schwindel stieg in meinem Kopf auf und von meiner Wunde ging erneut ein stechender Schmerz aus. Meine Gedanken wirbelten durcheinander, ohne dass ich dabei einen klaren Gedanken fassen konnte. "Du bist die atemberaubendste und interessanteste Frau, der ich je begegnet bin..." Ich wusste nicht, was in mich fuhr und vermutlich gab es in diesem Moment auch keine Erklärung dafür- ich war einfach nicht mehr bei klarem Bewusstsein. Fieber hüllte meine Gedanken ein und ich war einfach nicht mehr ich. Nicht mehr vernünftig. Vermutlich konnte ich von Glück sprechen, dass ich nicht den wahren Grund meines Aufenthaltes verraten hatte. Ich beugte mich vor und hauchte einen sanften Kuss auf Eleanors Lippen. Sie waren so unglaublich weich. Und zart. Alles wankte, als ich mich wieder von Eleanor löste. Dann wurde von einer Sekunde auf die nächste alles schwarz.
Stunden vergingen, ehe ich wieder mein Bewusstsein fand. Mein Kopf schmerzte höllisch und als ich versuchte meine Augen zu öffnen, blendete das Tageslicht so sehr, dass ich meine Augen rasch wieder schloss. Ein leises Stöhnén entwich meinen Lippen, während ich versuchte mich zu erinnern, was passiert war. Ich hatte Adrian und Eleanor gerettet, aber was war dann passiert? Nach und nach begann sich wieder das meiste zusammenzusetzen. Ich erinnerte mich daran, dass Eleanor bei mir gewesen war als ich aufwachte und dann Clemence gab. Dass ich in zwei Tagen Hausdiener sein würde. Clemence war aus dem Zimmer gestürmt und dann...Schwärze. Ich erinnerte mich an nichts mehr, was danach passiert war. War ich direkt danach in Ohnmacht gefallen? Oder war etwas passiert?
Dieser Beitrag wurde bisher 3 Mal bearbeitet, zuletzt am 23.08.19 um 23:38 von Silvaniae
emordnilaP
08.09.19 um 13:51
Avatar von emordnilaP

Re: Dollhouse

Eleanor Joan Leighton

Ein schwaches Lächeln - nun, das... war doch ein gutes Zeichen, nicht wahr? Es zeigte immerhin, dass er mich noch hören konnte und sein Bewusstsein zumindest noch nicht vollkommen abgedriftet war. Obwohl er ja anscheinend der Meinung war, dass Befehle bei ihm wirkungslos seien. Unter besseren Umständen hätte mich diese trotzige Bemerkung zweifellos zum Lachen gebracht. Es gehörte sich zwar nicht, aber ich mochte Angestellte, die sich trotz ihrer deutlich geringeren Stellung noch selbst treu blieben anstatt zu willenlosen SpeicheIIeckern zu werden. Davon gab es leider viel zu wenige, denn die meisten waren entweder zu eingeschüchtert von der offensichtlichen Macht und den Titeln ihrer Herren, oder aber sie glaubten durch haltlose SchmeicheIeien persönliche Vorteile erwirken zu können. Apropos SchmeicheIeien..
"Cyril, uhm.. ich weiß das zu schätzen, ehrlich, a-aber sowas solltest du wirklich nicht zu mir sagen, weil... a-also ich meine, das ist nicht-"
Mehr brachte ich nicht zustande, ohne wirklich zu wissen wieso. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass ein Mann mir Komplimente machte. Und auch nicht das erste Mal, dass ich aufgrund dieser Komplimente errötete. Es hatte da durchaus schon den einen oder anderen aufdringlichen jungen - oder auch älteren - Herrn gegeben, obwohl Vater die meisten Verehrer bisher noch immer von mir ferngehalten hatte. Vielleicht lag es daran. Ganz abgesehen davon, dass Cyril mich äußerst informell ansprach, war er mir momentan viel näher, als- Moment. Er war deutlich näher. So sehr, dass ich mir einbildete goldene Sprenkel im hellen Braun seiner rasch immer näher kommenden Augen zu erkennen. Und diese waren mittlerweile sehr, sehr nah eigentlich, fast schon zu nah, viel zu sehr, beinahe so als würde er gleich-!
Für mehr als ein kleines, erschrockenes Geräusch blieb mir keine Zeit, denn schon im nächsten Moment stolperte ich nach hinten, eine Hand auf meinen Lippen und unfähig zu verstehen, was gerade passiert war. Ich konnte Cyril einfach nur anstarren; mir war fast, als würde ich die zarte Berührung noch immer spüren.
"W-Wie kannst du es wagen!" ,brach es aus mir heraus, während mein überfordertes Gehirn sämtliches Denken unmöglich machte. Mit einem solchen Verhalten hatte ich keinesfalls gerechnet. Immer und immer wieder glaubte ich, Cyril's goldbraune Augen auf mich zukommen zu sehen, obwohl ich irgendwo am Rande meines Bewusstseins registrierte, dass dieser dazu momentan endgültig nicht mehr in der Lage war.
"Dieb." ,flüsterte ich erst leise, dann lauter werdend. "Du sturer, leichtsinniger Dummkopf von einem Dieb. Wie kannst du es wagen einer Adeligen ihren ersten Kuss zu stehlen und dann einfach so ohnmächtig zu werden? Ich verlange eine Erklärung!"
Natürlich erhielt ich keine. Wie auch?
Mittlerweile fühlte ich mich selbst der Ohnmacht nahe, aber der Schock darüber das Wort "Kuss" laut auszusprechen und diesen damit als Realität zu akzeptieren, half das Chaos in meinem Kopf zumindest für einen Moment anzuhalten.
"Niemand darf davon erfahren."
Wie lange es schließlich dauerte bis ich meine Fassung so weit wiedergewonnen hatte, dass ich nach dem Butler klingeln konnte, wusste ich nicht. Auch nicht, was ich zu ihm sagte oder wie ich ihm erklärte, dass der bewusstlose junge Mann auf dem Sofa ein neuer Hausdiener war. Irgendjemand verbeugte sich vor mir als ich die Bibliothek verließ, jemand, der augenscheinlich schon eine Weile in der Galerie gewartet hatte, doch ich erkannte die Person nicht. Irgendein Angestellter vermutlich, zweifellos jemand dessen Namen ich kennen sollte, aber ich fühlte mich wie in Trance. Der Tag ging weiter als wäre nichts geschehen und ich spielte brav die mir zugeteilte Rolle, aber das Gefühl blieb. Es war als würde ich schlafwandeln, nur dass scheinbar niemand merkte wie unfähig ich war auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Irgendwann fand ich mich am Tisch wieder, ohne zu wissen welche Mahlzeit wir gerade einnahmen oder wie viel Zeit genau vergangen war. Minuten? Stunden? Es hätten genausogut Wochen sein können.Adrian fehlte, was damit erklärt wurde dass er sich noch immer von seinem Reitunfall erholen musste, dafür saß jedoch Clemence' Besuch mit uns am Tisch. Der Name dieses Lords entfiel mir sogleich wieder und auch sonst blieb mir kaum etwas über ihn im Gedächtnis hängen, obwohl die Häufigkeit mit der er mich ansah oder versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln mich vermutlich alarmiert hätte, wäre ich weniger abwesend gewesen. Stattdessen kreisten meine Gedanken um Cyril, und um das, was passiert war. Immer wieder berührte ich unwillkürlich meine Lippen, bis Clemence mir durch eindeutige Blicke zu verstehen gab, dass ich umgehend damit aufzuhören hatte. Aber auch Cyril's Worte wollten mir nicht aus dem Kopf. Zweifellos waren sie alle seinem Fieber entsprungen, ganz bestimmt. Ich konnte und wollte einfach nicht glauben, dass mehr dahinterstecken könnte. Aber dennoch..
Dein Äußeres, das bist nicht du. Dieser Satz erschreckte mich beinahe mehr als alles andere, denn so sehr ich es auch versuchte konnte ich doch unmöglich leugnen dass er zutraf. Selbst im engsten Familienkreis war mein Lächeln oft mechanisch, meine Bewegungen einstudiert und meine Worte genau gewählt, während ich mir insgeheim wünschte eines Tages diesen goldenen Käfig zu verlassen, und sei es nur für ein paar Stunden. Aber wieso konnte Cyril so mühelos hinter diese Fassade blicken? Ich musste unbedingt vorsichtiger werden.
Nach dem Essen, von dem ich im Grunde kaum mehr wahrgenommen hatte als das Endloskarousel in meinem Kopf, wurde ich nach oben geschickt um mich ebenfalls noch ein wenig auszuruhen. Etwas Schlaf, oder wenigstens Ruhe würde vielleicht endlich das surreale Gefühl vertreiben, und ohnehin wäre es vermutlich besser wenn ich Cyril so schnell nicht wieder begegnete. Der Weg nach oben führte mich jedoch noch einmal durch die Galerie, vorbei an der Tür zur Bibliothek, und obwohl absolut alles dagegen sprach ging ich zögernd darauf zu. Es war unmöglich zu hören ob jemand darin war.  Vielleicht hatte man Cyril längst ein geeignetes Krankenlager irgendwo anders bereitet -  vielleicht aber auch nicht.
Unentschlossen blieb ich stehen und verfluchte mich selbst.
Dieser Beitrag wurde bisher 1 Mal bearbeitet, zuletzt am 08.09.19 um 13:52 von emordnilaP